Voiles

Schleier oder Segel
aus: Préludes Band I 1909-1910

Inhalt

1. Woher kommt die Inspiration zu diesem Prélude?
2. Was ist das Besondere an Voiles?
3. Die Ganztonleiter
4. Welche Motive und Themen verwendet Debussy?
5. Die Pentatonik
6. Welche Bezüge bestehen zur javanischen Gamelanmusik?
7. Gibt es Bezüge zur impressionistischen Malerei?

1. Woher kommt die Inspiration zu diesem Prélude?

Das französische Wort "Voiles" kann sowohl mit Segel oder auch mit Schleier ins Deutsche übersetzt werden. Debussy selbst hat sich nie dazu geäußert, woher er seine Inspiration für Voiles hernahm. Kennt man seine Vorliebe für das Meer, wären sich im Wind bewegende Segel eine durchaus denkbare Möglichkeit. Es spricht aber einiges dafür, dass die Schleier Debussy zu diesem Prélude inspirierten.

Im Jahr 1892 betrat im Varieté Folies Bergère eine Tänzerin die Bühne, die mit ihren Auftritten zu einer Sensation im Paris der Jahrhundertwende werden sollte. Die Tänzerin war die Amerikanerin Marie Louise Fuller, die unter dem Künstlernamen Loïe Fuller auftrat. Ihr Markenzeichen war der Serpentinentanz, ein von ihr entwickelter Tanz mit einem Kostüm aus meterlangen weißen Seidenstoffen, die sie - an bis zu vier Meter langen Bambusstäben als Armverlängerung - in immer neuen Beleuchtungseffekten in immer neuen Figuren um sich herum bewegte und von diesen Wellen als Person völlig absorbiert wurde. Sie inspirierte mit ihrem Tanz viele Künstler im damaligen Paris, unter anderem auch Henri de Toulouse-Lautrec, der sie mehrfach zeichnete.

Toulouse Lautrec - Loie Fuller 01
Henri de Toulouse-Lautrec: Au music-hall : la Loïe Fuller, 1892

Auch wenn von Debussy selbst nichts überliefert ist (Debussy soll dem befreundeten Komponisten Edgar Varese mitgeteilt haben, dass das Prélude sich auf Fuller beziehe (1)), ist es sehr unwahrscheinlich, dass er Fullers Auftritte - sie tanzte sieben Jahre lang regelmäßig im Folie Bergère und war anschließend weiterhin in Paris künstlerisch tätig - nicht sah. Er wird das tänzerische Spiel aus Licht und Bewegung sicher mit Interesse, vielleicht auch mit Faszination verfolgt haben. Ob die Schleier Fullers ihn nun konkret zu seinen Voiles anregten oder nicht, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Sicher ist allerdings, dass sich die Wege Fullers und Debussys später noch kreuzten. Denn im Jahr 1913 entwickelte Fuller eine Ballettfassung von Debussys Nocturnes (allerdings nur "Nuages" und "Sirènes") und inszenierte diese dann auch im Théâtre des Champs-Elysées.

2. Was ist das Besondere an Voiles?

Voiles ist eine der bemerkenswertesten Klavierkompositionen Debussys, vielleicht auch die am meisten Strapazierte, denn sie besitzt eine seltene Konsequenz in der Auswahl der für die Komposition zur Verfügung stehenden Töne. Darum wird sie immer wieder als erstes hergenommen, um Debussys Harmonik zu erklären. Dabei ist sie in ihrer Einheitlichkeit gar nicht sonderlich typisch, sondern stellt eher einen Sonderfall dar. Debussy benutzt nämlich im ganzen Stück nur zwei Skalen, die Ganztonleiter und die Pentatonik. Diese sind fest an die drei Formteile - eine von Debussy häufig verwendete ABA'-Form - geknüpft:

Teil Takte Tonmaterial
A Takt 1-41 Ganztonleiter
B Takt 42-47 Pentatonik
A' Takt 48-65 Ganztonleiter

3. Die Ganztonleiter

Die Ganztonleiter ist - wie der Name schon sagt - eine Tonleiter, bei der die Abstände zwischen den einzelnen Tönen ausschließlich Ganztöne sind. Aus diesen Abständen ergibt sich eine Tonleiter mit sechs verschiedenen Tönen. Mit dem Schlusston besteht die Ganztonleiter also aus insgesamt sieben Tönen.

Notenbeispiel 1: Ganztonleiter, Schreibweise mit Kreuzen
Ganztonleiter

Notenbeispiel 2: Ganztonleiter, alternative Schreibweise mit b
Ganztonleiter

Um zu ermessen was es bedeutet, wenn man mit der Ganztonleiter komponieren möchte, muss man folgendes bedenken: Musik ist normalerweise mehrstimmig, es erklingen also mehrere Töne gleichzeitig. Diese stehen in einem bestimmten Abstand zueinander, der einen bestimmten Klang besitzt, ein so genanntes Intervall. Spielt man nun mehrere Töne der Ganztonleiter gleichzeitig, sind aufgrund des ausschließlichen Vorhandenseins von Ganztonabständen (und damit verbunden des Fehlens von Halbtonabständen) nur folgende Intervalle überhaupt möglich:

Abstand Intervall Beispiele aus der Ganztonleiter auf c
1 Ganzton große Sekund c-d oder ges-as
2 Ganztöne große Terz c-e oder as-c
3 Ganztöne übermäßige Quart, verminderte Quint, Tritonus c-ges oder d-as
4 Ganztöne kleine Sext c-as oder e-c
5 Ganztöne kleine Septim c-b oder b-as
6 Ganztöne reine Oktav c- c oder ges-ges

Es sind also nur sechs verschiedene Intervalle! Somit sind die verschiedenen möglichen Klangwirkungen recht übersichtlich, vor allem auch verglichen mit einer Dur- oder Molltonleiter. Das wichtigste aber ist: Es sind keine kleine Terzen möglich, weil deren Abstand drei Halbtöne (1,5 Ganztöne) beträgt. Das ist deshalb so wichtig, weil Dur- und Molldreiklänge kleine Terzen enthalten. Beim Komponieren mit der Ganztonleiter kann also kein Dur oder Moll erzeugt werden. Die Dreiklänge, die entstehen, sind ausschließlich übermäßige Dreiklänge.

Dreiklang Töne Abstand unterster/mittlerer Ton Abstand mittlerer/oberer Ton
Moll c-es-g c-es: kleine Terz es-g: große Terz
Dur c-e-g c-e: große Terz e-g: kleine Terz
Übermäßiger Dreiklang c-e-gis c-e: große Terz e-gis: große Terz

Notenbeispiel 3: Übermäßige Dreiklänge
Übermäßige Dreiklänge

Eine weitere Folge der ausschließlich vorkommenden Ganztonschritte ist, dass die Ganztonleiter keinen Grundton besitzt. Man kann sie von jedem ihrer Töne beginnen und auf demselben Ton wieder enden. Das ist ein bisschen wie bei einem Würfel, der auch kein oben oder unten besitzt. Kein Grundton bedeutet aber auch: keine Grundtonart, von der man harmonisch weggehen und zu der man im Sinne von Spannungsauflösung wieder zurückkehren kann. Die Musik ist somit statisch und behält immer dieselbe harmonische Grundspannung.

Das Komponieren mit der Ganztonleiter ist also eigentlich nicht geeignet für längere musikalische Entwicklungen oder längere Verläufe. Die Ganztonleiter ist eher für den kurzen Effekt geeignet. Dass Debussy bei Voiles fast das gesamte Stück mit dieser Tonleiter gestaltet, macht die Komposition so bemerkenswert. Es ist eigentlich eine Machbarkeitsstudie.

4. Welche Motive und Themen verwendet Debussy?

Aus den Tönen der Ganztonleiter bildet Debussy nun folgende Motive, beziehungsweise Themen: Das nur aus großen Terzen bestehende Thema A.

Notenbeispiel 4: Voiles - Thema A, Takt 1-6
Voiles - Thema A, Takt 1-6

Das unbegleitet vorgetragene Thema ist wie bei vielen Stücken Debussys ein perfektes Beispiel für die Verschleierung von Takt und Metrum (siehe dazu die Ausführungen bei Prélude à l'après-midi d'un Faune). Im fünften Takt des Themas beginnt im Bass eine Figur, die den Ton b repetiert. Sowohl die Figur in immer leicht variierter Form als auch der Ton b bilden bis zum Ende des Stückes das klangliche Fundament. Das Stück steht also in Ermangelung einer Grundtonart die ganze Zeit auf dem b - man nennt dies in der Musik einen Orgelpunkt. Auch dieser Orgelpunkt trägt wesentlich zur Statik der Komposition bei.

Notenbeispiel 5: Voiles - Bassfigur, Takte 5-6
Voiles - Bassfigur, Takte 5-6

In Takt 7 beginnt Thema B, ein in Oktaven geführtes, zweimal ansetzendes und dann in einer großen Linie ausschwingendes, getragenes Thema. Dieses Thema wird ab Takt 10 von Thema A begleitet.

Notenbeispiel 6: Voiles - Thema B, Takte 7-14
Voiles - Thema B, Takte 7-14

5. Die Pentatonik

Im B-Teil verwendet Debussy nur die Töne der Pentatonik. Die Pentatonik ist eine alte, in vielen Kulturen vorkommende, halbtonlose Tonleiter aus fünf verschiedenen Tönen (griech. penta = fünf). Man unterscheidet generell die Moll- und die Dur-Pentatonik.

Notenbeispiel 7: Dur-Pentatonik auf ges, Ges-Dur mit gelb markiert
Dur-Pentatonik auf ges

Notenbeispiel 8: Moll-Pentatonik auf es, es-Moll mit grün markiert
Moll-Pentatonik auf es

Debussy verwendet hier die Mollpentatonik, denn die ganzen sechs Takte des B-Teils sind geprägt vom Klang des es-Moll-Dreiklangs, auf dem der Teil auch ausklingt. Wie verzahnt Debussy nun die beiden tonartlichen Sphären Ganztonleiter und Pentatonik? Er benutzt dazu das gemeinsame Tonmaterial beider Skalen...

Notenbeispiel 9: Vergleich Ganztonleiter - Moll-Pentatonik: gemeinsames Tonmaterial
Vergleich Ganztonleiter - Moll-Pentatonik

...im Zusammenhang mit einem Motiv, das sowohl in einer ganztönigen als auch in einer pentatonischen Variante vorkommt:

Notenbeispiel 10: Voiles - Motiv ganztönig, Takt 28/29
Voiles - Motiv Takt 28/29

Notenbeispiel 11: Voiles - Motiv pentatonisch, Takt 42/43
Voiles - Motiv Takt 42/43

6. Welche Bezüge bestehen zur javanischen Gamelanmusik?

Debussy hörte und sah die javanischen Gamelan-Orchester zum ersten Mal bei der Weltausstellung in Paris 1889. Diese Erfahrung sollte ihn prägen wie vielleicht kein anderes musikalisches Ereignis zuvor oder danach. So fand die musikalische Struktur der Gamelanmusik direkt und indirekt Eingang in viele seiner Werke. Hier ist vor allem die Mehrschichtigkeit zu nennen, die ein zentrales Element der javanischen Gamelanmusik darstellt. So sind viele der späteren Werke Debussys in mehreren, meist drei parallel ablaufenden Schichten angelegt und viele folgen dem Gamelan-Prinzip der unterschiedlichen Bewegungsformen, die diesen Schichten fest zugeordnet sind.

Die Bewegungsformen der einzelnen Schichten sind bei der tiefsten Schicht lange, ausgehaltene Töne, meist auf die "1" des Taktes, die im Gamelan von großen Gongs gespielt werden. In der mittleren Schicht - wenn man von drei Schichten ausgeht - werden Melodien gespielt, die meist durch Pendelmelodik gekennzeichnet sind. Im Gamelanorchester werden diese auf Metallstabspielen gespielt. Auch ostinate, also gleichbleibende Figuren in mittleren Notenwerten kommen hier vor. Die schnellen, oft ornamental angelegten Figuren sind der obersten Schicht vorbehalten; sie schmücken die Melodie aus oder ergänzen sie.

Am direktesten hat Debussy diese Gamelanstruktur sicher in Pagodes aus den Estampes umgesetzt. Hier wird im Titel auch direkt auf Asien verwiesen. Doch auch bei Voiles kann diese Struktur nachgewiesen werden, obwohl Voiles inhaltlich keinen Bezug zu Java aufweist. So möchte Debussy hier auch keine Evokation der javanischen Gamelanmusik erreichen, sondern benutzt deren Grundideen und wandelt diese in seine eigene Tonsprache um.

Man kann die Merhschichtigkeit schon an den ersten Takten gut erkennen. Im folgenden Ausschnitt (Takt 9 bis 13) sind die drei Schichten farbig markiert: die oberste Schicht mit ihrer ornamentalen dahinhuschenden Zweiunddreißigstelfigur in Terzen (rot), darunter (grün) die nach oben ausschwingende und zum Anfangston zurückkehrende Hauptmelodie und im Bass der Orgelpunkt (blau), der den anderen beiden Stimmen mit leicht synkopischer Rhythmik das nötige Fundament verleiht und so den Gongs des Gamelanorchesters nahesteht.

Notenbeispiel 12: Voiles - Takte 9 bis 13
Voiles - Takte 9-13

Auch die Ganztonleiter und die Pentatonik können als Versuch gesehen werden, den beiden in der Gamelanmusik verwendeten Skalen Slendro und Pelog nahe zu kommen. Bei beiden wird die Oktave nicht wie in der europäischen Musik in 12 gleich große Tonabstände unterteilt, sondern nur in 5 Töne (Slendro) und 7 Töne (Pelog).

7. Gibt es Bezüge zur impressionistischen Malerei?

In Voiles ist Debussys Nähe zu den impressionistischen Malern sehr deutlich zu sehen. Die Motive und Themen, die er komponiert, sind kurze, offene Gebilde, die in wechselnden Beleuchtungen immer wieder nur für Augenblicke auftauchen und kurz danach schon wieder verschwunden sind - genau so wie die impressionistischen Maler ihre Farben auf die Leinwand tupfen. Dieses Spiel mit den Klangfarben macht den eigentlichen Reiz dieser Musik aus.

Genauso zart wie die Farben der Impressionisten ist auch die Dynamik, die Debussy vorschreibt. Sie bewegt sich in weiten Teilen des Stücks nur zwischen pianissimo und piano und ist selbst in diesem schmalen Lautstärkebereich noch genauestens ausdifferenziert.

(1) Die Aussage Varéses zum Inhalt von Voiles ist an verschiedenen Orten zu finden. Leider wird nirgends eine Quelle angegeben.

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  © 2020 by Jochen Scheytt

Die deutschen Debussy-Seiten sind der umfangreichste Überblick über Debussys Leben und Schaffen in deutscher Sprache im Internet.

Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Komponist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.