Douze Etudes

Die Douze Etudes bestehen aus zwei Bänden à sechs Etüden, von denen jede Etüde eine spezielle Spieltechnik behandelt. Die ersten sechs Etüden sind den Mechanismen der Finger gewidmet, wohingegen sich die restlichen sechs mit Klängen und Klangfarben beschäftigen.

Nr. Titel Übersetzung
1 Pour les cinq doigts - d'après Monsieur Czerny Für die fünf Finger - nach Herrn Czerny
2 Pour les tierces Für die Terzen
3 Pour les quartes Für die Quarten
4 Pour les sixtes Für die Sexten
5 Pour les octaves Für die Oktaven
6 Pour les huit doigts Für die acht Finger
7 Pour les degrés chromatiques Für die chromatischen Fortschreitungen
8 Pour les agréments Für die Verzierungen
9 Pour les notes répétées Für die Tonwiederholungen
10 Pour les sonorités opposées Für die gegensätzlichen Klangwerte
11 Pour les arpèges composés Für die komponierten Arpeggien
12 Pour les accords Für die Akkorde

Die Douze Etudes entstanden im Sommer 1915 in einem relativ kurzen Zeitraum. Debussy hatte in Pourville, einem Badeort bei Dieppe in der Normandie, eine Villa an den Klippen gemietet und arbeitete dort von Juli bis September an dem Werk. Im Juni 1916 wurden die Douze Etudes bei Durand veröffentlicht. Sie sind Frédéric Chopin gewidmet.

Die Douze Etudes sind eine Zusammenfassung der technischen Neuerungen, die speziell für die Wiedergabe der Werke Debussys gebraucht werden. Sie sollen auf keinen Fall als technische Übungen im engen Sinne verstanden werden, deren hauptsächliche Berechtigung das Üben von bestimmten Mechanismen ist, sondern im Gegensatz dazu als musikalisch anspruchsvolle Stücke, zu deren Beherrschung die entsprechende Technik notwendig ist. Wie in Debussys anderen Klavierstücken auch, ist vor allem ein präziser, fein abgestufter Anschlag nötig, um den Farbenreichtum in Debussys Musik am Klavier in die entsprechenden Klangfarben umzusetzen. Debussy meinte dazu: "In jedem Fall verhüllen diese Etüden eine strenge Technik unter den Blumen der Harmonie."

Die Douze Etudes stehen damit in der direkten Nachfolge der Etüdensammlungen Frédéric Chopins, Franz Liszts und Alexander Skrijabins, die über den reinen Übungszweck hinausgingen, musikalisch hochwertig waren und völlig zurecht ihren Platz in der Konzertliteratur fanden. Damit entfernten sie sich von den Etüden, die Komponisten wie Muzio Clementi, Johann Baptist Cramer, Carl Czerny und Johann Nepomuk Hummel in der klassischen Stilepoche geschrieben hatten. Die Douze Etudes stellen so einen der letzten großen Beiträge zur Gattung der Etüden dar.

Gleichzeitig sind die der Abschluss von Debussys Klavierwerk, denn im Dezember 1915, knapp drei Monate nach Beendigung der Etüden, musste sich Debussy einem operativen Eingriff wegen seiner Krebserkrankung unterziehen, deren Folgen seine Schaffenskraft nachhaltig lähmte.

Von seinem Verleger Durand wurde Debussy angehalten, Fingersätze in die Etüden zu integrieren - eine Tätigkeit, zu der Debussy anscheinend nicht wirklich Lust hatte. Denn er lehnte dies ab und begründete das Fehlen der Fingersätze im Vorwort zu den Douze Etudes wortreich in seiner typischen, leicht ironischen Art und Weise:

"Mit Absicht enthalten die vorliegenden Etüden keinerlei Fingersatz. [...] Ein aufgenötigter Fingersatz kann naturgemäß nicht mit der verschiedenen Bildungsweise der Hände übereinkommen. Die moderne Klavierpädagogik hat diese Frage zu lösen gesucht, indem sie mehrere Fingersätze übereinanderschrieb, aber das erschwert die Sache nur. [...] Unsere alten Meister gaben nie Fingersätze an; sie verließen sich auf das Erfindungstalent ihrer Zeitgenossen. An diesem Talent bei modernen Virtuosen zu zweifeln wäre ungeziemend. Und schließlich: das Fehlen von Fingersätzen ist eine ausgezeichnete Übung. Es unterdrückt in uns den Widerspruchsgeist, der uns dazu verleitet, den Fingersatz des Komponisten lieber nicht zu nehmen und bestätigt jene immergültigen Worte: man ist durch sich selbst immer am besten bedient..."

Nr. 1 Pour les cinq doigts - d'après Monsieur Czerny

Die 13. Etüde

Im Jahr 1977 entdeckte der britische Musikwissenschaftler und Debussy-Forscher Roy Howat in Debussys Nachlass eine weitere bis dahin nicht bekannte Etüde. Anscheinend war es aufgrund des Titels Pour les arpèges composés, der dem Titel der 11. Etüde entspricht, bis dahin nicht aufgefallen, dass es sich um ein vollkommen anderes Stück handelt. Howat veröffentlichte diese 13. Etüde mit kleineren Vervollständigungen als Étude retrouvée.

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Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Komponist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.