Images Band II

1 Cloches à travers les feuilles Glocken, durch Laub klingend
2 Et la lune descend sur le temple qui fut Und der Mond neigt sich über den Tempel von einst
3 Poissons d'or Goldfische

Uraufführung

Der zweite Band der "Images" wurde von Debussy zu Hause zum ersten Mal im November 1907 gespielt und erschien bei Durand am 7. Januar 1908. Die Uraufführung durch Ricardo Viñes am 21. Februar 1908 war kein großer Erfolg, und nur Poissons d'or kam beim Publikum gut an. Debussy war mit Viñes' Leistung nicht zufrieden und machte ihn mit für den ausgebliebenen Erfolg verantwortlich.

Notation

Debussy notiert die Images II zum ersten Mal durchgehend auf drei Notensystemen, um der wachsenden Komplexität seiner Kompositionen optisch gerecht zu werden und das Notenbild übersichtlicher zu gestalten. Er trägt damit auch der Tatsache Rechnung, dass seine Werke oft aus drei gleichzeitig ablaufenden Schichten bestehen. Außerdem nutzt Debussy zunehmend die ganze Klaviatur aus und hat bei drei Systemen mehr Flexibilität bei der Notierung von extremen Tonlagen.

Cloches à travers les feuilles

Die Anregung zum ersten Stück der Images ist unklar. Der mit Debussy befreundete französische Musikwissenschaftler und Sinologe Louis Laloy, der die erste Debussy-Biographie schrieb und dem Debussy das zweite Stück der Images, Et la lune descend sur le temple qui fut widmete, reklamierte für sich, die Inspirationsquelle gewesen zu sein. Demnach beobachtete Laloy auf dem Land den alten Brauch, das Totengeläut der Vesper an Allerheiligen bis zur Totenmesse an Allerseelen, dem nächsten Tag, andauern zu lassen - Geläut, das kilometerweit durch die herbstlichen Wälder zu hören war. Dass Laloy Debussy mit der Erzählung des alten Brauchs inspirierte, wurde und wird in der Literatur immer wieder in Zweifel gezogen. In der Tat erinnert Cloches à travers les feuilles zu keinem Zeitpunkt an das Läuten von Totenglocken. Dies beweist aber nicht, dass Debussy nicht von Laloys Erzählung inspiriert wurde, denn Debussy strebte in seinen Kompositionen nie eine konkrete Umsetzung oder ein genaues Abbild der Wirklichkeit an, sondern eine künstlerische Transformation, die oftmals nur die der Anregung innewohnende Stimmung oder Atmosphäre transportierte.

Insofern ist es auch kein Widerspruch, wenn sich hier in das Bild des französischen herbstlichen Glockenläutens starke Anklänge an die javanische Gamelanmusik mischen, die Debussy auf den Weltausstellungen in Paris gehört hatte. Diese Anklänge manifestieren sich zuallererst in der Verwendung der Ganztonleiter als gleichschrittige Skala, ähnlich den beim Gamelan verwendeten Skalen Slendro und Pelog, und der für den Gamelan typische Struktur von mehreren, melodisch und rhythmisch unabhängigen und parallel zueinander ablaufenden Schichten.

Hierbei geht Debussy über die bei ihm häufig vorkommende Dreischichtung hinaus und lässt in weiten Teilen vier Schichten gleichzeitig ablaufen. (So wäre es im Grunde noch konsequenter gewesen, hätte Debussy Cloches à travers les feuilles nicht auf drei, sondern auf vier Systemen notiert.) Am Beginn von Cloches à travers les feuilles sind die vier Schichten (1) deutlich zu erkennen (Notenbeispiel 1): Wie beim Gamelan hat die tiefste Schicht lange ausschwingende, glockenartige Töne und die untere Mittelstimme gleichmäßig bewegte Tonleiterausschnitte in mittlerem Tempo. Die zweitoberste Schicht trägt für den Gamelan typische schnell bewegte Figuren bei. während die Oberstimme ein melodisch etwas prägnanteres Motiv in Gegenbewegung zu den anderen Stimmen spielt.

Notenbeispiel 1: Cloches à travers les feuilles, Takt 3
Et la lune descend Takt 1-3

Et la lune descend sur le temple qui fut

Im zweiten Stück der Images, einem von drei "Mondstücken" Debussys, wird die fernöstliche Atmosphäre einer alten Tempelruine unter anderem durch die ausgedehnte Verwendung von Mixturklängen heraufbeschworen. Beispielhaft hierfür ist der Beginn, bei dem die Melodie mit einer großen Sekund und einer Quart unterlegt wird - ein Akkord, der dann in intervallgleich in der Ober- und der Unterstimme parallel verschoben wird (reale Mixtur). Bei den letzten beiden Akkorden ändert sich diese Intervallstruktur: aus der Quart wird hier eine große Terz. Das Stück verharrt von Anfang bis Ende im genauestens ausdifferenzierten dynamischen Bereich von pianissimo bis piano.

Notenbeispiel 2: Et la lune descent sur le temple qui fut, Takt 1 bis 3, reale Mixturklänge
Et la lune descend Takt 1-3

Poissons d'or

Poissons d'or wurde von einer japanischen Lackarbeit aus dem Besitz Debussys inspiriert, die mit Perlmutt und Goldintarsien verziert war. Diese zeigt zwei goldene Fische vor schwarzem Hintergrund, die in einem Fluss schwimmen. Das Wasser scheint starke Strömung zu haben, wie die waagrecht im Wasser liegenden Wasserpflanzen zeigen. Am Ufer des Flusses steht eine Trauerweide. Die Fische sind recht groß und somit ist die Übersetzung mit "Goldfische" wohl etwas irreführend, stellt man sich dabei ja die weit verbreiteten kleinen Aquariums-Goldfische vor.

Poissons d'or'
Die Lackarbeit, die Debussy zu "Poissons d'or" anregte

Man kann den Beginn von Poissons d'or als mehr oder weniger direktes Abbild der Lackarbeit ansehen. Debussy beginnt mit einer pulsierenden Klangfläche, die das Wasser darstellt. Beide Hände spielen Trillerfiguren, die harmonisch eine interessante Mischung aus Fis-Dur und fis-Moll darstellen, da die rechte Hand immer die Durterz und die linke Hand die Mollterz (hier allerdings nicht als a, sondern als gisis notiert) beisteuert. Im schnellen Tempo und im Pedal ergibt dies eine zwischen Dur und Moll changierende Fläche, die den Eindruck des Schillerns und Flimmerns der Wasseroberfläche im Licht erweckt. In diese Klangfläche kommen im dritten und vierten Takt mit zwei rhythmischen Akzenten die beiden Fische ins Bild, die anschließend in ruhiger Bewegung durchs Wasser gleiten.

In der weiteren musikalischen Gestaltung benutzt Debussy Elemente, die er schon bei Reflets dans l'eau aus dem ersten Band der Images zur Darstellung des Wassers und seinen Spiegelungen benutzt hatte. Dazu gehören vor allem schnelle arpeggierte Akkordbrechungen über mehrere Oktaven, wie in Takt 8 und 9, und "farbige" Akkorde, wie ab Takt 14. Im weiteren Verlauf finden sich viele Vorschlagsnoten, die die plötzlichen Wechsel der Bewegungsrichtungen der Fische im Wasser symbolisieren sollen.


(1) Siglind Bruhn erkennt hier sogar fünf Schichten, indem sie den tiefsten Ton a1 der zweitobersten Schicht, der insgesamt zweimal vorkommt, als eigene Schicht ausweist. Ob sie hierfür den Akzentkeil oder die Tatsache, dass dieser Ton im Notensystem darunter notiert ist, als Begründung heranzieht, führt sie nicht weiter aus. Gegen die These, dass das a1 eine eigene Schicht darstellt, spricht, dass der Ton sicher nur deshalb in der darunter liegenden Notenzeile notiert ist, weil er grifftechnisch als einziger Ton der Sechzehnteltriolenbewegung mit der linken Hand gespielt werden muss. Außerdem deutet Debussy eine eigene Stimme oder Schicht immer durch eine doppelte Halsung an, die hier nicht zu finden ist. Insofern ist es sicherlich gerechtfertigt, von vier Schichten zu sprechen.

Kontakt

  © 2021 by Jochen Scheytt

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Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Komponist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.