Suzanne Vega: Tom's Diner

18. November 1981: Suzanne Vega frühstückt in Tom's Restaurant in New York und hält ihre Eindrücke schriftlich fest.

A-Cappella-Chorgesang, der Chorgesang ohne Begleitung von Instrumenten, hat eine lange Tradition bis weit zurück in die Zeit der Renaissance. Über die amerikanischen Barbershop Quartets hat diese Form der Vokalmusik Eingang auch in die heutige populäre Musik gefunden. Im Jazz hat der A-Cappella-Chorgesang eine feste Basis, aber auch in der Popmusik haben vereinzelt A-Cappella-Formationen Erfolg gehabt. Die Flying Pickets, die mit Only You bekannt wurden, sind eine davon.

Viel seltener als der unbegleitete Chorgesang ist in der Popmusik aber der A-Cappella-Sologesang. Denn hier ist der Sänger oder die Sängerin völlig auf sich selbst gestellt und muss bei der Gestaltung des Songs auf wichtige Komponenten wie die harmonische und rhythmische Begleitung verzichten. So schaffen es nur wenige wie die charismatische Sängerin Janis Joplin, einen A-Cappella-Song so ausdrucksvoll zu gestalten, dass er auch für sich alleine trägt. Janis Joplins Song Mercedes Benz ist wohl das bekannteste Beispiel für einen gelungenen und ausdrucksstarken A-Cappella-Song.

Auch Suzanne Vega hat mit Tom's Diner einen unbegleiteten Song in ihrem Programm. Anders als das leidenschaftliche, vom 3399ffs inspirierte Mercedes Benz handelt es sich bei Tom's Diner aber eher um ein etwas lapidares, wenngleich doch reizvolles Liedchen. Das Ganze klingt wie eine vor sich hingesungene Improvisation, sowohl textlich als auch musikalisch. Suzanne Vega singt fast beiläufig, wie wenn man sie nur zufällig beim Vorsichhinsingen aufgenommen hätte. Das verleiht Tom's Diner einen ganz eigenen Charme. Dazu passt die einfache, hauptsächlich im Quintraum kreisende Melodie und der Liedtext, der von alltäglich-banalen Beobachtungen beim Frühstück und Zeitunglesen in Tom’s Restaurant in New York, Ecke Broadway und West 112th Street berichtet.


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Suzanne Vega saß wirklich in Tom’s Diner, also Tom’s Restaurant, und zwar im Herbst 1981. Den Beschluss, ihre Beobachtungen aufzuschreiben, fasste sie relativ spontan. Sie erinnerte sich dabei an einen Kommentar eines Freundes, eines Fotografen, der meinte, er fühle sich oft als würde er die Welt durch eine Glasscheibe betrachten und wäre dabei in die Geschehnisse nie wirklich involviert (1). So beschloss Vega, ihre Beobachtungen durch die „Brille“ ihres Freundes zu sehen. Der Liedtext schildert die Geschehnisse also aus männlicher Perspektive.

Sie erzählt im Liedtext auch, dass sie aus der Zeitung erfährt, dass ein Schauspieler, dessen Name ihr nichts sagt, betrunken zu Tode gekommen ist. Bei diesem Schauspieler handelte es sich um William Holden, der in seiner Wohnung in Santa Monica in Kalifornien an den Folgen einer Verletzung gestorben war, die er sich bei einem Sturz mit dem Kopf an die Tischkante zugezogen hatte. Man hatte ihn am 16. November 1981 gefunden. Von seinem Tod berichteten die Zeitungen dann zwei Tage später, also am 18. November 1981. (2) Zum Zeitpunkt dieser Ereignisse war Suzanne Vega mit 22 Jahren noch sehr jung, was sicher auch erklärt, warum sie William Holden nicht kannte, der den Zenit seiner Karriere damals schon überschritten hatte.

Suzanne Vegas Aufzeichnungen aus Tom’s Restaurant blieben erst einmal unbenutzt, denn erst drei Jahre später wurde Tom’s Diner als Beilage des Fast Folk Musical Magazines veröffentlicht. Auf Vegas erster 1985 erschienener Platte mit dem Titel Suzanne Vega war Tom's Diner nicht zu finden. 1987 schließlich veröffentlichte sie den Song auf dem zweiten Studioalbum Solitude Standing.

So richtig bekannt wurde Tom's Diner allerdings erst, als DNA mit einem Remix auf den Plan traten. Das war 1990, also drei Jahre nach dem Erscheinen des Songs. Zwei auch heute noch anonyme englische DJs, die sich DNA nannten, legten unter Suzanne Vegas Singstimme kurzerhand einen aktuellen Dancebeat und verteilten den Remix auf lokaler Basis.

Durch den Einsatz in Diskotheken wurde der Remix bald überregional bekannt und erregte somit auch die Aufmerksamkeit von Vegas Plattenfirma A&M. Allerdings hatten DNA weder bei Vega, ihrem Verleger, noch bei ihrer Plattenfirma um Erlaubnis gebeten. Die Plattenfirma strengte nun aber erstaunlicherweise nicht etwa ein Verfahren gegen die DJs wegen Urheberrechtsverletzung an, sondern sah die kommerziellen Möglichkeiten dieses Remixes und brachte das Werk selbst heraus. Eine weise Entscheidung.

Um den A-Cappella-Song in einen Dance-Mix zu verwandeln, mussten einige Umstellungen und Anpassungen vorgenommen werden.

Im Original werden die Strophen direkt hintereinander gesungen, nur jeweils getrennt durch eine kurze Pause. Erst ganz am Schluss singt Suzanne Vega das hier aus dem Song hinausleitende "doo doo doo doo". Bei der Dance-Version dagegen wird dieses Outro zur Hookline umfunktioniert und sowohl als Intro wie auch refrainartig zwischen den Strophen eingebaut.

Suzanne Vega singt die 5. Strophe ("Oh this rain it will continue...") vom Tempo her gesehen recht frei, auffallend ist die Tempoverzögerung bei "the bells of the cathedral". Da Temposchwankungen in Dance-Nummern nicht vorgesehen sind, konnte dieser Teil nur sehr mühevoll eingepasst werden, was bei einem Vergleich der beiden Versionen auch sofort und deutlich zu hören ist.

Der Liedtext der Cover-Version endet bei der Zeile "I am thinking of your voice". Somit wurden hier die letzten Zeilen, die die kleine Kurzgeschichte zu einem Abschluss bringen, weggelassen.

Die Cover-Version von Tom's Diner orientiert sich also wieder an den üblichen Popmusik-Konventionen: eingängiger Refrain, konstant durchlaufender Beat und Fade-out-Schluss kurz vor der Dreieinhalbminutengrenze. Da tut dann doch das Original gut, das diese Konventionen bewusst durchbricht.

(1) https://web.archive.org/web/20070309130144/http://www.suzannevega.com/Features/TomsDinerDay.htm
(2) ebda.

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  © 2020 by Jochen Scheytt

Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Komponist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.