Lynyrd Skynyrd: Sweet Home Alabama

Lynyrd Skynyrds musikalische Reaktion auf Neil Youngs Südstaatenschelte und das Lob für die im Hintergrund tätigen Studiomusiker von Muscle Shoals

Die Bilder stehen einem noch ganz lebhaft vor Augen. Die Bilder vom Sommer 2005, als New Orleans, die Wiege des Jazz, in den braunen Fluten versank, nachdem Hurrikan Katrina gewütet hatte. Tausende von afro-amerikanischen Bewohnern der Stadt warteten verzweifelt darauf, aus der untergegangenen Stadt evakuiert zu werden. Doch wo waren die weißen Bewohner? Die waren längst weg, und man bekam das Gefühl nicht los, dass von offizieller Regierungsseite nicht alles unternommen wurde, um die arme schwarze Bevölkerung aus ihrem Leid zu erlösen.

Bald war der Vorwurf zu hören, dass die Afro-Amerikaner immer noch Menschen zweiter Klasse seien, auf jeden Fall im von seinen sklavischen Traditionen geprägten Süden der USA. Zwar sei die Segregation, also die Rassentrennung, seit den Sechzigern, seit der Bürgerrechtsbewegung unter Führung von Dr. Martin Luther King offiziell abgeschafft, doch in Situationen wie diesen merke man, dass in den Köpfen der Menschen im Süden altes Denken immer noch vorhanden sei.

Diese Vorwürfe sind nicht neu. So sang der kanadische Sänger Neil Young sein Lied vom Southern Man, das er 1970 auf der LP After The Goldrush veröffentlichte. Darin äußerte er sich in ziemlich deutlichen Worten zur Diskriminierung der Schwarzen, dabei Bilder aus der Vergangenheit aufgreifend wie zum Beispiel die brennenden Kreuze, das Symbol des Ku Klux Klans, oder die Peitschen der Sklavenhalter.


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Dass er sich damit bei vielen weißen Bewohnern des Südens nicht beliebt machte, war ihm sicherlich sehr wohl bewusst. Trotzdem, oder gerade deshalb, legte er zwei Jahre später noch nach: mit dem Song Alabama vom Album Harvest.

Im Jahr 1974 dann kam die musikalische Reaktion. Sie kam von der aus dem Norden Floridas stammenden Südstaatenband Lynyrd Skynyrd. Sweet Home Alabama hieß der Song, in dem Neil Young erwähnt und ein direkter Bezug zu seinen beiden südstaaten-kritischen Songs hergestellt wurde. Man kann dies auch hören, denn direkt nach der Erwähnung von „Mister Young“ singt jemand im Hintergrund ganz leise „Southern Man“. Im selben Textabschnitt wird Neil Young dann zur persona non grata in den Südstaaten erklärt.

Rückblickend stellten alle Beteiligten, auch Neil Young die Geschichte als Spaß dar und betonten in verschiedensten Interviews, dass sie sich gegenseitig respektierten und schätzten. Ronnie van Zant, der Leadsänger von Lynyrd Skynyrd, lief sogar oft im Neil-Young-T-Shirt durch die Gegend. Und Neil Young legt Wert darauf, dass er den Song schon einige Male selbst aufgeführt hat (1).

Auf der anderen Seite ist es auch eine Tatsache, dass Lynyrd Skynyrd sich durch den Neil Young-Text und Auftritte mit der Confederation-Flag, also der Fahne der Südstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg, durchaus auch politisch und gesellschaftlich positionierten. Aus Überzeugung oder weil ihnen dieses Image auf jeden Fall Aufmerksamkeit und damit auch Erfolg bescherte? Man kann es nicht genau beurteilen.

Es geht in Sweet Home Alabama aber nicht nur um Neil Young und den Rassenkonflikt, sondern auch um die Musiker vom Muscle Shoals Sound Studio. Die wirkten ähnlich wie die Funk Brothers bei Motown in Detroit als Rhythmusgruppe quasi anonym auf vielen Aufnahmen erfolgreicher Künstler wie Paul Simon, den Rolling Stones oder Aretha Franklin mit und kreierten dabei den wiedererkennbaren Muscle Shoals Sound, eine Mischung aus Soul, R&B und Country.

Auch Lynyrd Skynyrd hatten in diesem Studio, das in Sheffield, einer Nachbargemeinde von Muscle Shoals im Norden Alabamas angesiedelt war, aufgenommen und die Musiker und die Studioatmosphäre dort zu schätzen gelernt. Durch die Erwähnung dieser fantastischen Musiker mit ihrem Spitznamen „the Swampers“ in Sweet Home Alabama setzten ihnen Lynyrd Skynyrd ein bleibendes klingendes Denkmal.

(1) https://www.songfacts.com/facts/neil-young/southern-man. Abgerufen am 01.01.2020.

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  © 2022 by Jochen Scheytt

Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Komponist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.