Deep Purple: Smoke On The Water (Riff)

Das wohl berühmteste Riff der Pop- und Rockgeschichte und seine erstaunlichen Ursprünge im Bossa Nova

Es ist wohl das bekannteste Riff der Pop- und Rockgeschichte und jeder kennt es. Selbst ganz junge Menschen, für die Deep Purple gefühlsmäßig genauso weit weg ist wie Mozart, haben es schon einmal gehört oder können es sogar auf irgendwelchen Instrumenten fingern. Nun ist ja die Bandgeschichte von Deep Purple, wie die anderer Hard Rock Bands auch, geradezu gespickt mit Riffs, und inzwischen weiß man auch, dass diese Riffs nicht immer von der Band selbst komponiert, sondern zumindest in einigen Fällen in einem - nennen wir es kreativen Aneignungsprozess - von anderen Songs übernommen wurden.

Deep Purple-Gitarrist Ritchie Blackmore hat dies zum Beispiel beim Riff von Black Night, einer direkten Übernahme von Ricky Nelson's Summertime aus dem Jahr 1962, selbst bestätigt. Aber auch bei Smoke On The Water gibt es ein interessantes "Original", das allerdings von den Bandmitgliedern nie erwähnt wurde: es ist der Bossa Nova-Titel Maria moite (englisch Maria quiet) der brasilianischen Sängerin Astrud Gilberto, der 1966 auf ihrem Album Look To The Rainbow erschien. (1)

Das Riff erscheint nach circa 20 Sekunden im Klavier und die Ähnlichkeit ist in der Tat frappierend. Aber Bossa Nova und Hard Rock, wie soll das zusammengehen? Haben sich die harten Jungs von Deep Purple damals wirklich daheim vor den Plattenspieler gesetzt und sich den soften Bossa Nova Astrud Gilbertos mit sanftem Headbanging zu Gemüte geführt? Aber natürlich ist dieses Denken zu klischeehaft. Ritchie Blackmore ist ein Musiker, der sich sehr für mittelalterliche und barocke Musik interessiert und musikalisch viel im Folk-Bereich unterwegs ist. Hier ist aber vor allem der Organist Jon Lord zu nennen, dessen klassische Klavierausbildung die Grundlage für eine lebenslange aktive Beschäftigung mit klassischer Musik, vor allem der Johann Sebastian Bachs, legte. Blueseinflüsse waren für seine Arbeit mit der Hammond-Orgel grundlegend und auch im Jazz war Lord zu Hause, was sein Engagement 1960 in London in der Jazz-Combo von Bill Ashton beweist.


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So scheint es dann auch nachvollziehbar, dass Lord die Arbeit des kanadischen Jazzmusikers und herausragenden Arrangeurs Gil Evans kannte, der Astrud Gilbertos Look To The Rainbow-Album arrangierte.

Bleibt die Frage, wie der Transfer von Gil Evans zu Ritchie Blackmore verlief. Möglicherweise experimentierten die Bandmitglieder immer wieder bei Proben mit verschiedenen Ideen, die sie Aufnahmen anderer Künstler entnahmen und die sie in einem aktiven Prozess ihrem eigenen Stil anpassten. Vielleicht sickerten solche musikalischen Ergebnisse auch ins Unterbewusstsein und kamen Jahre später wieder zum Vorschein, ohne dass der Ursprung der Idee noch irgendjemand bewusst gewesen wäre.

Auffallend ist jedenfalls, dass alle Töne des Smoke On The Water-Riffs sowohl melodisch wie rhythmisch bei Gil Evans exakt so vorhanden sind. Somit ist eine rein zufällige Ähnlichkeit wohl definitiv ausgeschlossen. Das Notenbeispiel soll dies verdeutlichen. Die blau markierten Töne im Gil-Evans-Riff zeigen die gemeinsamen Töne beider Versionen und somit gleichzeitig die Version von Deep Purple.

Es fehlen bei Deep Purple im Grunde nur die Achtelnoten, die die beiden Hälften des Riffs miteinander verbinden, und die beiden letzten Töne des Riffs. Die Deep Purple-Version reduziert das Original quasi auf das Wesentliche, was für Rockmusik durchaus charakteristisch ist.

Doch es gibt natürlich auch Unterschiede. Der vielleicht wichtigste Unterschied ist, dass das Riff bei Deep Purple durchgehend in Quarten gespielt wird - eine Tatsache, die Blackmore immer wieder betont, weil das ein Sound war, der für ihn damals neu war und mit dem er experimentierte. Gil Evans' Version ist einstimmig, läuft dafür aber über eine in Halbtonschritten abwärts führende Basslinie, die am Ende dominantisch wieder zum Ausgangston zurückführt. Bei Deep Purple wird das Riff am Anfang unbegleitet und anschließend mit einer Bassfigur gespielt, die zuerst den Grundton in Achteln repetiert und bei den letzten Tönen des Riffs parallel zu diesem verläuft. Dadurch ist diese Variante harmonisch nicht so vielschichtig. Das Tonmaterial beider Versionen ist die pentatonische Skala mit erniedrigter fünfter Stufe (des), die so im Blues verwendet wird - eine Tatsache die bei Deep Purple durch die parallel mitgeführten Quarten klanglich nicht so deutlich zu Tage tritt.

Bleibt die Frage, warum bis heute keine Plagiariatsvorwürfe gegen Deep Purple bekannt geworden sind. Es ist sehr wahrscheinlich, dass das Riff, das bei Maria moite nur ein einziges Mal vorkommt, spontan entstanden ist, und vom Pianisten (der im Übrigen auf der Veröffentlichung damals namentlich nicht vermerkt wurde und deshalb bis heute unbekannt ist) nur als Blues-Lick angesehen wurde, der somit auch nicht mit irgendwelchen Rechten verbunden ist.

(1) Nachzuhören unter https://www.youtube.com/watch?v=ZVrgj3A0_BY

Kontakt

  © 2022 by Jochen Scheytt

Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Komponist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.