The Beatles: Yesterday

Rühreier, ein Streichquartett, drei tatenlose Beatles, ein bedeutungsvoller Traum und Georgia on Paul's mind

Im Jahr 1965 waren die Beatles noch nicht sehr weit in ihrer musikalischen Entwicklung gekommen. Die Songs auf der LP Help! präsentierten sich im für die frühen Beatles typischen Beat-Sound: hartes Schlagzeug, zwei E-Gitarren, E-Bass und mehrstimmiger Gesang. Umso erstaunlicher ist die Realisation von Yesterday ausgefallen. Auch die Entstehung des Songs ist durchaus bemerkenswert.

Das Songschreiben geschah bei den Beatles in den meisten Fällen in einer Art Teamarbeit zwischen Paul McCartney und John Lennon. Meist hatten entweder Lennon oder McCartney eine musikalische Idee, die unterschiedlich weit ausgearbeitet war, als sie dem jeweils anderen präsentiert und dann in gemeinsamer Arbeit vervollständigt wurde. Man einigte sich damals darauf, dass die einzelnen Anteile, so unterschiedlich sie auch gewesen sein sollten, nicht aufgeschlüsselt wurden, sondern immer pauschal fifty-fifty abgerechnet wurden. Deswegen steht in Notenausgaben von den Beatles-Song, die von den beiden verantwortet wurden, immer die Angabe: Words and Music by John Lennon and Paul McCartney.

Diese Angabe findet sich auch bei Yesterday. Hier ist es allerdings so, dass das Stück von Paul McCartney komplett alleine komponiert wurde, also kein anderer Beatle an der Komposition beteiligt war (dies gilt allerdings nicht für den Liedtext). Und die Entstehung kann durchaus als etwas kurios bezeichnet werden.


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Paul wachte eines Morgens mit einer Melodie im Kopf auf und fragte sich, woher er diese kenne. Am Klavier suchte er passende Akkorde zu dieser Melodie und wurde den Gedanken, dass diese gar nicht von ihm stammen könne, nicht los. Denn er hatte die Melodie ja geträumt, also konnte er sich gar nicht komponiert haben. Aber auch Nachfragen bei seinen Musikerkollegen und Freunden brachten keinen Erkenntnisgewinn. Er hielt diese Melodie für eine Jazzmelodie – ein nicht abwegiger Gedanke, war doch Paul McCartneys Vater James Jazzliebhaber.

James McCartney war außerdem ein ganz leidlicher Pianist, der sich das Spielen von jazzigen Akkorden und Melodien am Klavier selbst beigebracht hatte und auch eine Zeit lang Trompete spielte. Zusammen mit seinem Bruder Jack an der Posaune spielte er nach dem ersten Weltkrieg die Jazzstandards der damaligen Zeit auf Tanzveranstaltungen oder im Kino. So war es eigentlich logisch, dass Paul McCartney hiervon in seiner musikalischen Entwicklung geprägt wurde.

Nachdem Paul trotz aller Versuche nicht herausfinden konnte, woher diese Melodie stammte, akzeptierte er schließlich seine Urheberschaft (1) und man beschloss, den Song aufzunehmen.

Zur Zeit der Entstehung von Help! arbeiteten die Beatles schon mit ihrem Produzenten George Martin zusammen, einem ausgebildeten Musiker, der die Ideen der Beatles im Studio praktisch umsetzte und sich mit ihnen in den folgenden Jahren ideal ergänzen sollte. Martin hatte nicht nur ein untrügliches Gespür dafür, wie ein Song klingen musste, um erfolgreich zu sein, er hatte auch einen Plan, wie er die Kreativität der Beatles lenken, weiterentwickeln und fördern konnte, um aus ihnen mehr als nur eine Beatband zu machen.

So war es Martin, der vorschlug, Yesterday nicht in der üblichen Besetzung zu produzieren, sondern zu Pauls Gesang und Akustikgitarrenspiel ein Streichquartett zu engagieren und somit die anderen Beatles gar nicht zu beteiligen. Das allerdings war gewagt, denn zu diesem Zeitpunkt waren die Beatles eben doch noch eine Beatband. Und da sich die Beatles völlig unsicher waren, wie wohl die Fangemeinde reagieren würde und sie sich ganz nebenbei angesichts der Sentimentalität des Songs tatsächlich auch etwas schämten (2), brachte man Yesterday erst gar nicht als Single heraus.

Doch noch einmal zurück zum Entstehungsprozess. Neben der vergeblichen Suche nach der Inspirationsquelle war auch die Suche nach einem passenden Text schwierig. Zuerst hieß das Stück als Gag und weil niemandem etwas besseres einfiel "scrambled eggs" - zu deutsch "Rühreier". John Lennon sagt, dass er fast schon traurig war, als der endgültige Titel gefunden war, denn das Rührei war schon zum Running Gag geworden. (3)

Dass der Song als Scrambled Eggs einer der erfolgreichsten Popsongs der Geschichte geworden wäre, darf wohl getrost bezweifelt werden. Doch nicht alle vier Beatles waren über den Erfolg von Yesterday immer ganz glücklich, was bei den restlichen Dreien wohl an der oben geschilderten fehlenden Beteiligung am Song liegt.

So berichtet John Lennon davon, dass er einmal in einem Restaurant in Spanien saß, der an den Tischen aufspielende Geiger ihn erkannte und ihm - man kann es sich schon denken - Yesterday direkt ins Ohr spielte. Also ausgerechnet den einen Song, an dem John Lennon so gar keinen Anteil hatte. Wenn Lennon nun ätzt, der Geiger hätte ja schlecht I Am The Walrus spielen können (4), einen gelinde gesagt etwas ungewöhnlichen und auch unmelodischen Song vom späten Beatles-Album Magical Mystery Tour, dann zeigt sich daran das in der Endphase der Beatles zerrüttete Verhältnis zwischen Lennon und McCartney recht gut. Denn Lennon hätte definitiv viele gelungene Songs im Angebot gehabt, die er als Alternative für I Am The Walrus hätte aufzählen können und die sich auch in einer Tischgeigerversion gut gemacht hätten.

(1) Auf seiner Seite www.beathoven.com argumentiert Ian Hammond, dass das Vorbild für Yesterday Georgia On My Mind von Hoagy Carmichael in der Version von Ray Charles sein muss. Es ist allerdings weniger die Melodie, die übereinstimmt, als vielmehr die Harmonien. Leider hat Ian Hammond seine Seite seit einigen Jahren nicht mehr im Netz. Es gibt aber immer wieder andere Internet-User, die die Inhalte seiner Seite veröffentlichen und sie so der Internet-Gemeinde zugänglich halten. Insofern ist eine Internetsuche immer lohnenswert.
(2) Beatles Anthology. Ullstein, München, 2000, S. 175
(3) ebda.
(4) ebda.

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  © 2020 by Jochen Scheytt

Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Komponist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.