The Beatles: Strawberry Fields Forever

John Lennons Kindheitserinnerungen in einem äußerst surrealen Gewand

Die Abrissbagger kamen 1973 und fraßen sich durch das alte viktorianische Gebäude. Es war nicht mehr zu retten gewesen, zu stark hatten bauliche Schäden der Struktur des Hauses zugesetzt. Ein Zweckbau sollte das alte Waisenhaus der Heilsarmee ersetzen. Was von der originalen Bausubstanz blieb, waren nur die beiden Torpfosten mit dem eisernen, rot lackierten Tor, die den Zugang zum weitläufigen Gelände verwehrten und auf denen der Name des Anwesens stand: Strawberry Field.

John Lennon hatte nur eine Querstraße entfernt von dem parkähnlichen, bewaldeten Gelände mit dem viktorianischen Waisenhaus in der Beaconsfield Road gewohnt. Er lebte dort bei seiner Tante Mimi und Strawberry Field wurde eine Art Spielplatz und Zufluchtsort für den jungen John. Gelände und Gebäude faszinierten ihn und er stahl sich oft weg, war auf dem Gelände allein oder spielte mit den Waisenjungen, die dort lebten. Auch besuchte er mit seiner Tante das jährlich stattfindende Gartenfest.

1967 stand das Waisenhaus noch, als John Lennon während eines Spanienaufenthalts für Dreharbeiten zum Film How I Won The War den Song Strawberry Fields Forever schrieb und darin seine Kindheitserinnerungen verarbeitete. Er verwendete für den Song nicht den originalen Namen Strawberry Field, sondern die Pluralform Fields.


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Kindheitserinnerungen sind zum einen ein ganzes Leben lang präsent, werden zum anderen aber auch im Laufe des Lebens mit einer ganz eigenen, emotional gefärbten Patina überzogen. Möglicherweise ist die Aufnahme von Strawberry Fields Forever deshalb in ein solch unwirkliches, surreales Licht getaucht.

Dass Strawberry Field einen ganz besonderen Platz in Lennons Kindheit eingenommen haben muss, kann man am quälend langen Aufnahmeprozess im Tonstudio erkennen, der John nie zufrieden stellte, ja vielleicht sogar nie zufrieden stellen konnte. Die Beatles nahmen Strawberry Fields Forever im Studio nämlich unzählige Male auf und versuchten mit allerelei Experimenten Johns Vorstellungen nahe zu kommen. Es kam aber anscheinend keine in allen Belangen überzeugende Aufnahme dabei heraus, so dass man sich schlussendlich entschloss, zwei grundverschiedene Aufnahmen, nämlich Take 7 und Take 26 zusammenzufügen.

Nun gab es aber das Problem, dass der zweite ausgesuchte Take 26 schneller und einen Halbton oder Ganzton (die Quellenlage ist hierin unklar) höher eingespielt war als Take 7. Take 26 musste nun nachträglich im Tempo verlangsamt werden, was auch die Tonhöhe automatisch mit herabsetzt, so dass beide Teile zueinander passten. Dabei sollte die Schnittstelle möglichst unhörbar sein. Diese Schnittstelle befindet sich im Song genau nach einer Minute. Direkt davor wurden noch 5 Sekunden eingeklebt, die ebenfalls aus Take 7 stammten. Insgesamt stellt dies eine technische Meisterleistung dar, auf die Toningenieur George Martin zu Recht stolz war.

Um dem Song zusätzlich eine spezielle Atmosphäre zu verleihen, verwendeten die Beatles auf Strawberry Fields Forever zwei sehr ungewöhnliche Instrumente. Das eine kann man schon direkt im Intro zum Song hören. Es ist ein Mellotron. Dieses Instrument, das damals völlig neu auf dem Markt war, war ein Vorläufer der heutigen Synthesizer, bei dem die Töne allerdings nicht wie bei diesen elektronisch erzeugt wurden. Beim Mellotron startete durch den Tastendruck ein im Instrument befindliches Tonband, dessen Klang dann zu hören war. Für jede Taste des Mellotrons befand sich ein Tonband im Innern des Geräts, das bis zu 20 Sekunden laufen konnte und dann in die Ausgangsposition zurückschnappte. Die Tonbänder waren schon ab Werk bespielt und es waren drei verschiedene Sounds verfügbar, darunter auch der Flötensound von Strawberry Fields Forever. Per Drehschalter konnte zwischen den drei Sounds umgeschaltet werden.

Die Beatles waren von dem Instrument, das von der britischen Firma Streetly Electronics produziert wurde, so begeistert, dass sich trotz des horrenden Preises jeder der vier eines kaufte. 1966 hingen es die Beatles und ihr Produzent George Martin allerdings nicht an die große Glocke, dass sie ein Mellotron eingesetzt hatten. Da das Mellotron (das im Übrigen auch rhythmische Presets besaß) ganze Bands oder Orchester imitieren konnte, befürchtete die britische Musikergewerkschaft eine zunehmende Beschäftigungslosigkeit von Musikern und wandte sich gegen den Einsatz des Mellotrons.

Dass dies unbegründet war, zeigte dann die praktische Erfahrung mit dem Gerät. Verschiedene Rockgruppen Anfang der 1970er, unter anderem Led Zeppelin, benutzten das Mellotron nicht nur im Studio, sondern auch für Liveauftritte und beklagten sich bald bitter über die mangelnde Zuverlässigkeit der Instrumente. Schon kleinste Stromschwankungen beeinträchtigten den Gleichlauf und somit die Intonation. Dabei waren die Musiker oft schon froh, wenn das Mellotron überhaupt Töne von sich gab.

Das zweite ungewöhnliche Instrument ist immer am Übergang vom Refrain zur nächsten Strophe zu hören. Es ist eine aus Indien stammende und ein wenig wie eine Zither klingende Surmandal (im Englischen oftmals auch "swordmandel" genannt). Seit ihren Indienaufenthalten verwendeten die Beatles immer wieder indische Instrumente, wie zum Beispiel die Sitar bei Norwegian Wood.

Ohne Strawberry Fields Forever würde sich heute sicher niemand mehr an das alte Waisenhaus Strawberry Field erinnern. So aber ist die Toreinfahrt mit den beiden steinernen und mit allerlei Graffiti verzierten Torpfosten heute eine der Haupt-Pilgerstätten von Beatles-Fans aus aller Welt, wenn sie Liverpool besuchen. Die originalen eisernen, rot lackierten Tore wurden im Jahr 2000 gestohlen, aber nach kurzer Zeit wieder zurückgebracht. Im Jahr 2011 wurden sie durch Replikate ersetzt.

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  © 2020 by Jochen Scheytt

Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Komponist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.