Bette Midler: The Rose

Die durchaus romantische Entstehungsgeschichte zu einem durchweg romantischen Song

Sängerinnen und Sänger samt ihren Begleitern an den Tasten, die öfter für kirchliche Trauungen gebucht werden, wissen dies aus Erfahrung: The Rose ist eines der populärsten Lieder für diese Anlässe, also wenn es darum geht, eine möglichst romantische Stimmung zu erzeugen. Von den einleitenden, terzlosen Klavierakkorden, die den Song formal umklammern, von der sich über drei Strophen hin aufbauenden Dreistimmigkeit des Gesangs, die am Schluss wieder zur Einstimmigkeit reduziert wird, von den einfachen Kadenzakkorden, die die reine poetische Aussage des Textes unterstreichen, bis hin zum Liedtext selbst stimmt hier einfach alles.

Wem das aber alles zu kitschig ist, der befindet sich in guter Gesellschaft. Auch die Produzenten des Films mit dem gleichen Titel, denen der Song angeboten wurde, fanden ihn irgendwie langweilig und bemängelten, dass das eher eine Hymne sei als richtiger Rock'n'Roll. Man muss dazu wissen, dass der Film The Rose sich in seiner Handlung stark an Janis Joplins Biographie orientiert. Und Janis Joplin hatte ja Power ohne Ende und lebte das schnelle und zerstörerische Leben des Rock'n'Roll: da wollte man beim Titelsong nicht nachstehen. Trotzdem entschied man sich nach vehementem Eintreten von Bette Midler, die die Hauptrolle in dem Film innehatte, für The Rose und begründete damit den Welterfolg des Songs.


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Geschrieben hat den Song Amanda McBroom, eine US-amerikanische Sängerin und Komponistin. Laut eigener Aussage (1) schrieb sie den Song in einem Schub von Kreativität in ihrem Auto. Inspiriert wurde sie dabei von einem Song im Radio, und die Geschichte erinnert irgendwie an die Entstehung von Killing me softly einige Jahre zuvor und ist mindestens genau so romantisch wie der Song selbst. War es bei Lori Lieberman Don McLean, der sie zu dem Song inspirierte, ist es im Falle von Amanda McBroom Leo Sayer gewesen, dessen Song Magdalena den Kuss der Muse auslöste.

Diesen Song hörte sie nämlich im Autoradio und konnte nicht schnell genug heimkommen, um die Melodie und den Text nicht zu verlieren, der sich in ihrem Kopf formte. Vor allem die Textzeile aus Magdalena, in der die Liebe mit einem Rasiermesser und das Herz mit einer Narbe verglichen wird (2), beeindruckte McBroom, löste bei ihr aber den Wunsch aus, den Inhalt umzudeuten, die Schärfe des Bildes in eine tröstendere, ja quasi religiöse Aussage zu verwandeln. Die Wunden, die durch die Kraft der neuen Liebe verheilen. Die Saat der Liebe, die still schlummert und auch nach schlechten und harten Zeiten aufgeht.

Dazu passt auch die Einschätzung von McBrooms Ehemann, sie hätte mit The Rose einen Standard geschrieben, verbunden mit seiner Prophezeiung, dass etwas mit dem Song geschehen würde. (3) Nach einiger Zeit stillen Schlummerns, in der der Song nur im Bekanntenkreis von McBroom bekannt war, trat The Rose als Titelsong im oben erwähnten Film dann auch den weltweiten Siegeszug an und wird wohl nicht so schnell verblühen. Man wird sich also wiedersehen, oder besser hören, spätestens bei der nächsten Hochzeit...

(1) McBroom, Amanda. How „The Rose“ came to be. https://amcbroom.com/about/the-rose. Abgerufen am 02.01.2020.
(2) O’Keefe, Danny. Magdalena [Liedtext]. 1976.
(3) McBroom, Amanda. How „The Rose“ came to be, ebda.

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  © 2020 by Jochen Scheytt

Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Komponist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.