Amy Winehouse: Rehab

Ein ganz und gar unnötiger Song mit einer völlig falschen Message

Amy Winehouse starb am 23. Juli 2011 an einer Alkoholvergiftung mit unvorstellbaren 4,16 Promille Alkohol im Blut. Sie wurde 27 Jahre alt, genauso wie Brian Jones von den Rolling Stones, Jimi Hendrix, Janis Joplin und Jim Morrison, die zwischen 1969 und 1971 an den mittelbaren oder unmittelbaren Folgen ihres Drogenmissbrauchs starben, und ebenso wie Kurt Cobain, der 1994 Selbstmord beging.

Auch wenn schon einige Jahre seit Amy Winehouses Tod vergangen sind, sind die Bilder immer noch präsent: Amy Winehouse, wie sie betrunken und zugedröhnt durch die nächtlichen Straßen Londons hetzt, auf der Flucht vor der Meute der Paparazzi und irgendwie auch ständig auf der Flucht vor sich selbst. Oder Amy sturzbetrunken und orientierungslos auf der Bühne auf einer Tournee in Belgrad, nicht mehr in der Lage sich an die Melodien und Texte ihrer eigenen Songs zu erinnern, geschweige denn diese vorzutragen.

Es war der beispiellose und würdelose Niedergang einer hochtalentierten und hochsensiblen Künstlerin und man steht auch viele Jahre danach noch fassungslos vor dieser irgendwann nicht mehr zu stoppenden Spirale aus öffentlicher Sensationsgier und genauso öffentlich fast schon exhibitionistisch zur Schau gestelltem persönlichem Absturz. Gründe dafür gab es sicher viele. Die Scheidung der Eltern, als Amy neun Jahre alt war, der schlechte Einfluss ihres drogensüchtigen Freundes und Später-Ehemanns Blake Fielder-Civil, der ständige Kampf gegen das Lampenfieber, die Angstzustände und die Erwartungen, die auf den Musikern nun einmal lasten, wenn sie vor einem großen Publikum konzertieren. Und genau dieses Publikum blickte mit einer Mischung aus Mitleid und Entsetzen auf das ihm gebotene Schauspiel der Selbstzerstörung - unabhängig davon, ob sie es betrachten wollten oder ihm einfach nur nicht entkommen konnten.


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Auch wenn man weiß, welch sensible und verletzliche Persönlichkeit sich hinter dem öffentlich gebotenen Schauspiel verbarg, stößt mir der autobiographische Song Rehab auch heute noch bei jedem Hören sauer auf. Da nützt es auch gar nichts, dass Rehab soundsoviel Auszeichnungen bekommen hat, darunter 2008 drei Grammys: "Record of the Year", "Song of the Year", und "Best Female Pop Vocal Performance".

Läuft der Song nebenher im Radio, versteht man ja immer nur die Refrainzeile, in der Winehouse betont, dass sie nicht in die „Rehab“, die Entzugsklinik, gehen werde und hofft insgeheim, dass Rehab noch eine andere, in den restlichen Zeilen versteckte, positive Message beinhaltet. Das Studieren des Liedtextes fördert aber erstaunlicherweise nichts dergleichen zu Tage. Im Gegenteil, die renitente Aussage des Refrains zieht sich durch den ganzen Song. Ich bin da übrigens ganz anderer Meinung. Sie hätte dringend in die "Rehabilitation", gehen müssen - was sie einige Jahre später dann ja auch glücklicherweise getan hat. Denn mit ihren Drogenproblemen war sie ja nicht allein.

Nach Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit konsumieren in Deutschland mehr als 9,5 Millionen Menschen Alkohol in gesundheitlich riskanter Form, 1,8 Millionen gelten als alkoholabhängig (4). Mindestens 74.000 Menschen sterben jährlich durch Alkoholkonsum, und die Folgen des Alkoholkonsums kosten die Volkswirtschaft 26,7 Milliarden Euro im Jahr (5). Noch ein paar Zahlen. Das durchschnittliche Einstiegsalter ins Rauchen liegt bei 14,8 Jahren (6). Im Jahr sterben ca. 120.000 Menschen an den Folgen des Tabakkonsums (7). Um die 2 Millionen junge Menschen in Deutschland konsumieren regelmäßig Cannabis, davon gelten 600.000 als abhängig. Bei Medikamentenabhängigen geht man von einer Zahl von 2,3 Millionen aus (8).

Da wirkt es geradezu wie Sarkasmus, dass ihr größter Erfolgssong von eben genau dieser Thematik handelt und ihre Renitenz und Dickköpfigkeit quasi feiert. Denn die Argumente gegen ihren Entzug, die sie im Songtext vorbringt sind durchweg typisch für Suchtkranke. Man verbirgt sich gern hinter den Einschätzungen seiner Umwelt, vor allem wenn sie in die eigene Wunschvorstellung passen; der Papa hält's ja auch nicht für so tragisch. Dann der Trugschluss, dass es ja eigentlich gar keine Sucht ist, sondern sofort abstellbar, wenn sich die Lebensumstände ändern. Außerdem ist die Sucht ja nun auch wieder nicht so schlimm, dass man 10 Wochen dafür opfern müsste. Und der Stolz! Aber es ist nicht nur der Stolz, sondern auch Ignoranz, fehlende Einsicht und Sturheit.

Ich würde mir wünschen, dass ab und zu ein paar kritische Worte den Song begleiteten. Dass man den problematischen Inhalt thematisierte und versuchte, der komplexen Persönlichkeit der Amy Winehouse gerecht zu werden. Und dass man auf diese Weise denen, die ähnliche Probleme haben, klarmachen könnte, dass sich nicht helfen lassen der falsche Weg ist. Stattdessen trällert auch Jahre nach ihrem Tod noch unkommentiert ihr Ausredenliedchen aus den Lautsprechern. Ein schöner Song, sicherlich, aber mit einer fatalen Botschaft. Eigentlich hätte ich mir einen anderen Song von Amy Winehouse gewünscht: "I really wanna go to Rehab, I wanna go, go, go!"

(4) https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/praevention/gesundheitsgefahren/sucht-und-drogen.html. Abgerufen am 27.01.2020.
(5) https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/a/alkohol.html. Abgerufen am 27.01.2020.
(6) https://www.rauchfrei-info.de/informieren/verbreitung-des-rauchens/raucherquote-bei-kindern-jugendlichen/. Abgerufen am 27.01.2020.
(7) https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/r/rauchen.html. Abgerufen am 27.01.2020.
(8) https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/praevention/gesundheitsgefahren/sucht-und-drogen.html. Abgerufen am 27.01.2020.

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  © 2020 by Jochen Scheytt

Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Komponist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.