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Walking in Memphis
Original: Marc Cohn
Jahr: 1991
Memphis, Tennessee, am nördlichen Rand des Mississippi-Deltas direkt am Mississippi gelegene Stadt mit 650.000 Einwohnern. 1819 gegründet, und benannt nach der alten ägyptischen Stadt, ist Memphis bald als Zentrum schwarzer Musik bekannt geworden.
Marc Cohn schrieb mit "Walking in Memphis" 1991 einen Song über Memphis, in dem er seine Begegnung mit der Stadt im Lichte ihrer musikalischen Geschichte schildert. Er selbst bezeichnet den Song als "spiritual awakening", also ein spirituelles, geistiges oder geistliches Erwachen und bezieht dies wohl auf den speziellen "Geist", die Ausstrahlung der Stadt Memphis. Es spielt hier aber sicher auch ein religiöses Element mit hinein, eine Art Inspiration durch die Gospelmusik der Schwarzen. Vor allem die unten noch geschilderte Begegnung mit Muriel dürfte viel zu diesem "Erwachen" beigetragen haben.
Folgende, in den Songtext eingearbeitete Erklärungen sollen zum besseren Verständnis des Songs beitragen.

        Put on my blue suede shoes
        And I boarded the plane

Die "blue suede shoes" sind eine Referenz an den gleichnamigen Rock'n'Roll-Song von Carl Perkins, der durch Elvis Presley zum Hit wurde. Beide Musiker begannen in Memphis ihre Karriere.
        Touched down in the land of the Delta Blues
        In the middle of the pouring rain

Das Land des Delta Blues ist das Mississippi-Delta, das gemeinhin als die Geburtsstätte des Blues angesehen wird. Es ist eine flache, fruchtbare Flussebene und erstreckt sich über 200 Meilen nordwärts von Vicksburg bis Memphis. Das Mississippi-Delta war fast in seiner ganzen Fläche mit Baumwollplantagen bedeckt, auf denen die Schwarzen als Sklaven arbeiten mussten.
        W.C. Handy -- won't you look down over me
        Yeah I got a first class ticket
        But I'm as blue as a boy can be

W.C. Handy ist einer der berühmtesten Söhne von Memphis und war als Musiker, Komponist und Musikverleger tätig. Er wurde zwar nicht in Memphis geboren, lebte aber lange Zeit dort. Er schrieb als erster Blueskompositionen, wie zum Beispiel 1909 den "Memphis Blues", der als erste Blueskomposition überhaupt gilt. Andere berühmte Stücke sind der "St. Louis Blues" oder der "Beale Street Blues".
        Then I'm walking in Memphis
        Walking with my feet ten feet off of Beale
        Walking in Memphis
        But do I really feel the way I feel

Beale Street ist der kulturelle Mittelpunkt von Memphis und gilt als die Wiege des Blues. Nicht nur W.C. Handy, der direkt an der Beale Street wohnte, machte sie zum Zentrum der schwarzen Musik; Beale Street war eine lebendige, und manchmal auch anrüchige Mischung aus Nachtclubs, Restaurants, Bars und Tanzsälen, in der das Leben und der Blues pulsierten. Die spezielle Atmosphäre der Beale Street im letzten Jahrhundert kann man gut im folgenden Zitat nachfühlen:
"Up from the docks of the Mississippi River, up from the saloons, the bawdy houses on Beale, up from the honky-tonks of the sawmill towns, up from the white cotton fields of Dixie, accompanied by banjo strumming and hand-clapping, rose the sorrow songs of the Negro toiler. Beale Street band masters emphasized the native and nationalistic elements of these songs and sent their echoes floating around the world." (1)
Warum Marc Cohn aber "ten feet", also gut drei Meter neben dieser berühmten Straße läuft, ist nicht ganz klar. Hält ihn der Respekt vor dem gewaltigen musikalischen Erbe der schwarzen Musik, das durch die Beale Street repräsentiert wird, von Beale fern? Er stellt sich im Songtext ja als "boy" dar, der sich Memphis ehrfurchtsvoll ("W.C. Handy -- won't you look down over me") nähert und dabei eher eine gewisse Unsicherheit ausstrahlt. Erst am Schluss, als er von Muriel (siehe unten) sozusagen in die Gemeinde der schwarzen Musiker mit aufgenommen wird, kann diese Unsicherheit weichen.
        Saw the ghost of Elvis
        On Union Avenue

Elvis Aaron Presley wurde 1935 in der kleinen Stadt Tupelo im Staat Mississippi geboren. Als Elvis 13 Jahre alt war, zogen seine Eltern mit ihm nach Memphis, wo er bis zum Ende seines Lebens wohnte.
706 Union Avenue ist die Adresse der Sun Studios von Sam Phillips, in denen Elvis seine ersten, seinen Erfolg begründenden Aufnahmen machte. In diesem Tonstudio startete nicht nur die Karriere von Elvis, sondern auch von anderen berühmten Musikern wie Johnny Cash, Roy Orbison, Carl Perkins oder Howlin' Wolf.
        Followed him up to the gates of Graceland
        Then I watched him walk right through

"Graceland" ist das stattliche, aus ungefähr 20 Zimmern bestehende Heim, das sich Elvis 1957 für 100.000 $ kaufte und in dem er bis zu seinem Tode 1977 wohnte. Das typische Südstaatenhaus war 1939 von einem Gutsherren gebaut und nach seiner Tochter Grace benannt worden. Heute ist Graceland die Pilgerstätte für Elvisfans aus aller Welt.
        Now security they did not see him
        They just hovered 'round his tomb
        But there's a pretty little thing
        Waiting for the King
        Down in the Jungle Room

Einer der vielen Räume von Graceland ist der "Jungle Room" der allerdings erst Mitte der 60er Jahre von Elvis selbst eingerichtet wurde. Er präsentiert sich als im Hawaii-Stil eingerichtetes, mit Wasserfall und allerhand geschmacklosen Möbeln bestücktes Refugium, in dem Elvis in späteren Jahren versucht hat, Tonaufnahmen zu machen. Welches "pretty little thing" auf den "King" Elvis hier wartet, ist allerdings nicht ganz klar.
        They've got catfish on the table
        They've got gospel in the air

Catfish, also Wels, ist ein typisches Südstaatengericht. Gospel bezeichnet die geistliche Musik der Schwarzen, die auch auf den großen Plantagen im Süden entstanden ist. Diese alten geistlichen Gesänge nennt man allerdings Spirituals.
        And Reverend Green be glad to see you
        When you haven't got a prayer
        But boy you've got a prayer in Memphis

Al Green, erfolgreicher Soulsänger der 60er und 70er Jahre, entsagte der Weltlichkeit Ende der Siebziger Jahre und machte fortan als Reverend Green in seiner Kirche "The Memphis Full Gospel Tabernacle" mit feurigen Predigten und energetischer Gospelmusik von sich reden. Erst 2003 veröffentlichte er nach langen Jahren wieder ein viel bejubeltes Album mit gutem altem weltlichem Soul.
        Now Muriel plays piano
        Every Friday at the Hollywood
        And they brought me down to see her
        And they asked me if I would --
        Do a little number
        And I sang with all my might
        And she said --
        "Tell me are you a Christian child?"
        And I said "Ma'am I am tonight"

Muriel existierte wirklich, und die Episode spielte sich genau so ab, wie im Songtext von Marc Cohn berichtet wird. Über das "Hollywood" erzählt Marc Cohn: "The cafe I sing about is in the middle of the Delta off of Highway 61. Of all things, it's called Hollywood, although it's totally unlike Hollywood." Als Cohn das Cafe besuchte, spielte Muriel unverstärkt am Klavier und sang dazu. Laut Marc Cohn sangen sie dann das alte Spiritual "Amazing Grace" zusammen. Diese Begegnung scheint Cohns Leben verändert zu haben, da er sagt, er habe seither keinen lausigen Song mehr geschrieben.(2) Muriel ist inzwischen gestorben. Bilder vom Hollywood finden sich unter http://www.mikestrickland.net/hollywood/.
        Put on my blue suede shoes
        And I boarded the plane
        Touched down in the land of the Delta Blues
        In the middle of the pouring rain
        Touched down in the land of the Delta Blues
        In the middle of the pouring rain

(1) zitiert nach: Lee, George W. Beale Street. Where the Blues began.
(2) USA Today, Jan. 24, 1992. Zitiert nach marccohn.org.


© 2006 by Jochen Scheytt

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