The Beatles: Lucy In The Sky With Diamonds

Wer glaubt den Beatles? Eine versteckte Anspielung auf LSD oder unschuldige Kinderzeichnung?

Die Kontroverse um Lucy In The Sky With Diamonds ist fast so alt wie der Song selbst. Es geht - Sie wissen es sicher schon - um den surrealen Text des Songs und die Initialen der drei Hauptwörter im Songtitel: Lucy in the Sky with Diamonds. Die ergeben bekanntlich LSD, eine Abkürzung für Lysergsäurediäthylamid. Dabei handelt es sich um ein in den späten 60er Jahren populäres Halluzinogen, eine Modedroge, die als bewusstseinserweiternd gepriesen wurde und darum von vielen Kreativschaffenden konsumiert wurde. Unter anderem auch von den Beatles.

Damit war die Verbindung schnell geschaffen. Bei einem Liedtext mit solch blumig-bunten und imaginativen Bildern konnte es sich doch nur um Drogenfantasien handeln. Die Beatles dementierten, doch vergeblich. Dabei hatten sie eine sehr gute Erklärung für den Songtitel: eine Kinderzeichnung von John Lennons Sohn Julian, die dieser von einer Schulfreundin angefertigt hatte und von der Schule mit nach Hause brachte. Auf die Frage, was das darstelle, kam die Erklärung, dies sei Lucy im Himmel mit Diamanten. (1)

Doch woher kamen dann die seltsam an psychedelische Erfahrungen anklingenden Bilder des Songtextes? Auch hierfür hatten die Beatles eine Erklärung parat: Alice im Wunderland. Laut John Lennon kamen hieraus die Bilder des Bootes und des Mädchens mit den Kaleidoskop-Augen. (2)


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Eine andere Quelle der Inspiration ist laut John Lennon auch die Goon Show, eine Anfang bis Mitte der 1950er Jahre sehr populäre Radio-Comedy-Sendung der BBC. Deren kreativer Kopf Spike Mulligan besaß jene schräge Form von Humor, die ihre Fortsetzung bei den Monty Pythons fand. Mulligan sagte, dass sie in der Goon Show einmal über „plasticine ties“ geredet hätten, was bei Lucy In The Sky With Diamonds leicht variiert wieder auftaucht. (3)

Doch, wie schon gesagt, alle Dementis waren fruchtlos, und die Beatles ob dieser Tatsache natürlich einigermaßen genervt. John Lennon war sogar bereit, "bei Gott, bei Mao oder bei wem ihr wollt" zu schwören. (4) Doch egal was man glaubt, wenn man sich die Inspirationen zu den anderen Songs vom Album Sgt. Pepper's Lonely Club Hearts Band anschaut, dann erscheint die Sache mit der Zeichnung realistisch.

Sgt. Pepper's wird ja als das erste Konzeptalbum der Popgeschichte bezeichnet, wobei sich die Konzeption doch eigentlich darauf beschränkt, dass die Beatles sich in die Rolle und damit verbundenen Kostüme dieser fiktiven Band, der "Lonely Hearts Club Band" begaben. Auch das aufwändig inszenierte Cover gehört zu diesem Gesamtkunstwerk. Was die musikalische Gestaltung und die Themen und Liedtexte betrifft, ist allerdings kaum eine durchgehende Linie erkennbar - wobei dies sehr wahrscheinlich auch gar nicht in der Intention der Beatles lag.

So wirken die Themen der Lieder auf Sgt. Pepper's doch ziemlich wahllos zusammengemischt und ehrlich gesagt sogar recht banal. Eine kleine Auswahl: Being For The Benefit Of Mr. Kite zitiert textliche Ausschnitte eines alten Zirkusplakats, Getting Better ist der Lieblingsspruch des Ersatzschlagzeugers Jimmy Nicol ("It's getting better"). Lovely Rita ist ein Song über eine Politesse und Good Morning, Good Morning wurde von einem Werbespot über Kellogg's Cornflakes inspiriert (inklusive Hahnenschrei)! A Day In The Life basiert im ersten Teil auf zwei Zeitungsmeldungen und referiert im zweiten Teil doch recht lapidare Tagesabläufe wie aufwachen, aus dem Bett steigen, sich kämmen, etc. In diese aus dem Alltagsleben entnommenen Inspirationen passt die Kinderzeichnung perfekt hinein.

Die musikalische Gestaltung von Lucy In The Sky With Diamonds orientiert sich dann doch weniger an Kindlichem, sondern eher am psychedelischen Aspekt. Hier ist vor allem der verfremdete Gesang John Lennons zu nennen, der mittels technischer Effekte (Aufnahme in langsamerer Bandgeschwindigkeit mit anschließender zehnprozentiger Beschleunigung) einen ziemlich surrealen Klang entwickelt. Dazu kommen die schwerfälligen Dreiklangsbrechungen der Einleitung, die von Paul McCartney auf einer Lowry-Orgel gespielt wurden, und die gleichzeitig die Begleitung der Strophe bilden.

Umso heftiger wirkt da der Übergang in den Refrain mittels vier Schlägen des Schlagzeugs. Hier springt der Song vom 3/4-Takt des Beginns in einen 4/4-Takt und in eine neues Grundmetrum. Dazu setzt das Schlagzeug ein, und man ist wieder ein Stück weit im gewohnten Sound eines Popsongs. Somit wirkt dieser Refrain wie ein Kommentar zum surrealen Liedtext der jeweils vorangegangenen Strophe.

(1) Zitiert nach: The Beatles Anthology. Ullstein, 2000, S. 242.
(2) ebda.
(3) Zitiert nach: Turner, Steve. A Hard Day's Write. The Stories behind every Beatles Song. Carlton Books, 1994, S. 123.
(4) Zitiert nach: The Beatles Anthology. Ullstein, München, 2000, S. 242.

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  © 2020 by Jochen Scheytt

Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Komponist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.