Cee Lo Green: Forget You (a.k.a. Fuck You)

Die gezielte Provokation: Cee Lo Green, youtube und das berühmt-berüchtigte f-Wort

Jeder, der die brillante englische Komödie Four Weddings And A Funeral, zu deutsch Vier Hochzeiten und ein Todesfall je gesehen hat, der wird sich an die Szenen des Films erinnern, wenn Charles, gespielt von Hugh Grant, und Scarlett komplett verschlafen. Sie werden aber dringend bei einer Hochzeitsfeier erwartet. In den folgenden Filmsequenzen - beim verzweifelten Versuch den Rückstand wieder aufzuholen - reduziert sich der Dialog größtenteils auf ein Wort, das berühmte f-word, mit dem alles, was aufgrund der Hektik wieder schiefgeht, kommentiert wird. Gekrönt wird das ganze im Film dann von der durchaus als Steigerungsform interpretierbaren Variante "fuckety-fuck".

Diese Szenen mussten im Übrigen für den amerikanischen Markt komplett neu gedreht werden (1), um eine entsprechende Freigabe des Films zu erhalten. Eine Neusynchronisation wurde verworfen, weil man das "fuck" immer noch auf den Lippen ablesen hätte können. Man ersetzte das f-Wort durch harmlosere Ausdrücke wie "blimey" oder "crumbs". Dass in den USA schlimme Ausdrücke wie die "seven dirty words" (72), zu denen auch „fuck“ gehört, nicht in die falschen Ohren gelangen, dafür sorgt eine spezielle Behörde, die Federal Communications Commission (FCC). Sie wacht über die Sendeanstalten und verhängt bei Nichtbeachtung saftige Geldstrafen, die wegen ihrer Höhe für kleinere Sendeanstalten durchaus existenzbedrohend sein können. Die Sender geben diesem Druck nach, manche zensieren sogar aus eigenen Stücken oder nehmen Titel aus dem Programm, aus der puren Angst, verklagt zu werden und zahlen zu müssen.

Insofern war das Auftauchen von Cee Lo Greens Musikvideo Fuck You, das am 19. August 2010 im Internet auf youtube veröffentlicht wurde, eine spannende Sache. Das Flash-Video wurde innerhalb einer Woche mehr als drei Millionen Mal abgerufen. (3) Wobei es doch fraglich ist, ob dies nur wegen der vermeintlichen Provokation durch den vulgären Ausdruck so war. Sicher, eine gezielte Provokation war schon immer ein Garant für Aufmerksamkeit, allerdings muss dann das Produkt auch halten, was die Provokation versprach. Und das ist in diesem Fall so. Der Song ist definitiv gut gemacht - ein funkiger Groove mit aktuellen Sounds, ein Schuss Motown und Greens über allem schwebende, charakteristische Stimme - und besitzt definitiv Hitqualitäten.


Jochen Scheytt: Popsongs und ihre Hintergründe.

60 Songs der Popsongs-Seiten jetzt als Buch und als e-Book. Books on Demand Verlag, 2020. Erhältlich im Onlineshop von Books on Demand und in allen Online-Buchhandlungen.
Weitere Informationen zum Buch

Und, nicht zu vergessen, es gibt einen weiteren Grund: das Video. Es war zunächst nur ein kurzfristig zurechtgezimmerter Platzhalter, der in nur einer Nacht entstanden ist, wie der verantwortliche Grafikdesigner, Terry Scruby, verrät. (4) Wahrscheinlich ist es gerade die vermeintliche Einfachheit der Schrift vor den einfarbigen, wechselnden Hintergrundflächen, die für den besonderen Reiz des Videos sorgt. Vielleicht auch, dass gerade bei einem Song, der mit der sprachlichen Provokation spielt, dies in übergroßen Lettern auch noch vom Bildschirm springt.

Man nennt die Machart des Videos auch "motion typography" oder "kinetic typography". Dazu werden die Worte im Rhythmus der Sprache oder der Musik animiert. Dies geschieht meist in plakativen Großbuchstaben unterschiedlicher Größe und vor farbigem Hintergrund, auf die die virtuelle Kamera zu- oder wegzoomt, sich buchstäblich in die Worte hineinbeamt, die Buchstaben abfährt, sie dreht und viele andere Effekte beinhaltet. Das Video zu Fuck You ist in dieser Hinsicht - wie Terry Scruby ja selbst erwähnt - wahrlich nicht besonders ausgecheckt, beeindruckt aber trotz alledem durch die Koordination von Rhythmus und visueller Gestaltung, durch die Refraineffekte und durch einige witzige Details wie die lang gezogenen oooohs.

Nach dem Interneterfolg war es nun durchaus spannend, ob Ceelo Green von Fuck You einen Radio Edit für die offiziellen Medien veröffentlichen würde, und wenn, wie dieser gestaltet sein würde. Das Ergebnis dürfte bekannt sein, da dieser Radio Edit auch im deutschen Radio inzwischen verstärkt gespielt wird. Die Lösung ist eigentlich genial einfach. Man ersetze das eine f-Wort durch das nächste - aus "fuck you" wird "forget you". Eigentlich eine Form dessen, was der Engländer als "minced oath" bezeichnet - einen abgeschwächten Fluch (ein typisches Beispiel wäre "what the heck" statt "what the hell").

Wo man schon mal dabei war, bzw. auch wegen der FCC, sind der Zensur gleich auch noch die anderen Slangausdrücke zum Opfer gefallen. "shit" wird beim Radio-Edit zu „ssh", wobei man hier regelrecht das Augenzwinkern der Musiker und Produzenten fühlt, steht das "ssh" im Englischen doch für unser deutsches "psst". Aber auch der „nigga“ hat die Säuberungsaktion nicht überlebt und wurde einfach weggeblendet, was sicher die unkreativste Lösung von allen war.

Forget You ist auch ein Lehrstück über die Möglichkeiten des Internet. Die üblichen Vermarktungsmechanismen sind hier völlig außer Kraft gesetzt, der Titel verbreitet sich über die kostenlose youtube-Plattform quasi von selbst und erreicht nur durch Mund-zu-Mund-Propaganda enorme Zugriffszahlen. Dazu muss das Gesamtpaket natürlich stimmen, was im Falle von Cee Lo Green passt. Zuerst einmal außen vor sind bei diesem Modell die Plattenfirmen, die bisher die klassische Vermarktung übernommen und dabei gute Gewinne abgeschöpft haben. Allerdings ist Warner beim Radio Edit und beim Album Lady Killer mit im Boot und profitiert somit durch die kostenlose Promotion durch die youtube-Version. Trotzdem sollte das ein Warnsignal für die großen Konzerne sein: nicht sie bestimmen, was der Hörer will, sondern der Hörer selbst.

(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Vier_Hochzeiten_und_ein_Todesfall. Abgerufen am 27.01.2020.
(2) https://de.wikipedia.org/wiki/Seven_Dirty_Words. Abgerufen am 27.01.2020.
(3) http://edition.cnn.com/2010/TECH/web/08/30/cee.lo.song.video/ in-dex.html. Abgerufen am 27.01.2020.
(4) http://www.nytimes.com/2010/08/30/business/media/30link.html. Abgerufen am 27.01.2020.

Kontakt

  © 2020 by Jochen Scheytt

Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Komponist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.