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Exodus
Interpret: Bob Marley
Jahr: 1977
Jamaika ist ein Land mit großen sozialen Spannungen. Diese äußern sich in hoher Kriminalität, verbunden mit einer hohen Bereitschaft, Waffen einzusetzen, vor allem in der Hauptstadt Kingston, aber auch in den Touristenzentren (1). Dies ist nicht neu und die Gründe dafür sind in der Geschichte der Karibikinsel zu suchen.
1494 bei seiner zweiten Reise von Christoph Kolumbus "entdeckt", wurde die Insel spanische Kolonie. Eingeschleppte Krankheiten und Kämpfe mit den Spaniern ließen der Urbevölkerung keine Chance. Sie starb innerhalb weniger Jahre aus. Um die Arbeit auf den von den Kolonialherren eingerichteten Zuckerrohrplantagen zu verrichten, wurden massiv schwarze Sklaven aus Afrika nach Jamaika verfrachtet. Diese stellten bald den überwiegenden Anteil der Gesamtbevölkerung, der heute (2006) bei 95% liegt (2). Die Schwarzen hatten aber auch nach der Aufhebung der Sklaverei 1834 keinerlei Rechte und wurden von der weißen Minderheit unterdrückt. Die regierte das Land in alter Gutsherrenmanier, war vermögend, während die Schwarzen zum großen Teil in Armut lebten. Viele von ihnen gingen in die Städte, wo sie in Slums lebten. In Kingston war dies das Viertel Trench Town. Auch die Unabhängigkeit Jamaikas 1962 änderte nichts an dieser Situation.
Man muss diese Verhältnisse kennen, um die Songs von Bob Marley zu verstehen. Er gehörte als Sohn einer Schwarzen und einem britischen Offizier zu den "coloured people". Als Kind kam er mit seiner Mutter Mitte der 50er Jahre nach Kingston und wohnte nach einiger Zeit in Trench Town, wo er die Armut, aber auch die lebendige Kultur der schwarzen Mehrheit erlebte. Man spielte dort damals einen Musikstil, der Ska genannt wurde. Auch Marley war bald vom Virus der Musik infiziert und veröffentlichte allerdings ohne viel Erfolg erste Aufnahmen.
Bob Marley und seine Wailers waren Mitte der 60er Jahre federführend bei der Entwicklung des Ska in den langsamer gespielten Reggae. Der Reggae mit seinem typischen Sound der nachschlagenden Rhythmusgitarren und der auf dem Backbeat gespielten Bassdrum war genau so wie der Ska in den Ghettos der jamaikanischen Städte verwurzelt, beschrieb die Probleme dort und artikulierte damit Protest gegen die herrschenden Verhältnisse. Marleys frühe Reggae-Songs besaßen allerdings noch nicht die politische Sprengkraft in den Texten.
Seine wahre Bestimmung als Sprachrohr der Unterdrückten Jamaikas fand Marley erst, als er begann, sich mit der religiösen Bewegung der Rastfari zu identifizieren. Diese hatte sich seit ca. 1930 auf Jamaika ausgebreitet. 1927 hatte Marcus Garvey, jamaikanischer Journalist und Nationalheld, den Aufstieg eines neuen großen Königs in Afrika prophezeit. Als 1930 in Äthiopien Haile Selassie I. zum Kaiser gekrönt wurde, sah man die Prophezeiung als erfüllt und Selassie als Messias an. Von seinem Geburtsnamen Ras (=Fürst) Tafari Makonnen leitete sich der Name Rastafari ab. Die Rastafaris sind Christen und sehen sich als Abkömmlinge eines alten israelitischen Stammes. Auffallend sind die verfilzten Haare, die sogenannten Dreadlocks, als "Symbol der Naturverbundenheit und der Mähne des Löwen von Juda" (3), einem der Krönungstitel Haile Sellasies.
Ein wichtiger Grundzug der Rastafari-Bewegung ist die Forderung nach einer Rückkehr der Schwarzen in ihre ursprüngliche Heimat, nach Afrika. Diese wurde schon von Marcus Garvey formuliert und findet in Bob Marleys Song "Exodus" ihren Ausdruck.
"Exodus, movement of Jah people" lautet die refrainartig repetierte Textzeile, die den Auszug der schwarzen jamaikanischen Bevökerung beschwört. "Jah" ist eine Kurzform von Jahwe, Gott, die in der Rastafari-Religion gebräuchlich ist und hier die Schwarzen als Gottes Volk identifiziert.
Folgende Textzeilen verdeutlichen sehr gut das Bewusstsein der Rastafaris ihre Herkunft betreffend.
We know where we're going, uh!
We know where we're from.
We're leaving babylon,
We're going to our father's land.
Afrika ist Ursprung und gelobtes Land, in das man zurückkehren möchte. Jamaika, das Land, in dem man gestrandet ist, wird als "Babylon" bezeichnet, ein ungeliebtes Exil, mächtig, reich, arrogant, unterdrückend wie das antike Babylon der Bibel. Symbolisch kann Babylon auch für die gesamte westliche Welt und die weiße Vorherrschaft stehen.
Obwohl die Rastafaris immer wieder Delegationen nach Afrika schickten, die eine Auswanderung vorbereiten sollten, schafften sie den Massenexodus nie. Vielmehr emigrierten viele Schwarze, darunter auch Bob Marleys Mutter mit den restlichen Geschwistern, in die USA, wo sie hofften bessere Lebensbedingungen vorzufinden.
Nach dem Tod Bob Marleys 1981 sind sowohl der Reggae als auch die Rastafari-Religion aus dem öffentlichen Bewusstsein gerückt. Zu sehr war beides mit seiner Person verkörpert. Heute leben in Jamaica laut Auswärtigem Amt circa 24.000 Rastafaris bei einer Gesamtbevölkerung von ungefähr 3 Millionen (4).

(1) Quelle: Auswärtiges Amt
(2) Quelle: Auswärtiges Amt
(3) http://de.wikipedia.org/wiki/Rastafari
(4) Quelle: Auswärtiges Amt


© 2007 by Jochen Scheytt

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