Popsongs und ihre Hintergründe

vangelis

Vangelis: Conquest Of Paradise

Jahr: 1992

Vangelis' schöner Titelsong zum mittelmäßigen Film unter Verwendung von echt alten und pseudo-alten Elementen


Carl Orff und Boxen - das geht nicht zusammen. Das dachten wohl die Erben des bayrischen Komponisten und Musikpädagogen, den man heute vor allem dank des an den Schulen weit verbreiteten Orff-Instrumentariums und natürlich für O Fortuna, dem Eröffnungsstück aus seinem Hauptwerk Carmina Burana kennt. Oder es erschien ihnen schlicht unangemessen, dass O Fortuna für Showzwecke benutzt wurde und nur als Kulisse für den Auftritt dieses sendungsbewussten Boxers diente. Der hieß Henry Maske und zu den Klängen von O Fortuna marschierte er wie einst die römischen Gladiatoren zu seinen Boxkämpfen auf, um dem Gegner gleich unmissverständlich klar zu machen, wer anschließend Chef im Ring sein würde.

So verboten die Erben die Verwendung dieses Werks und Henry Maske war folgerichtig auf der Suche nach einer neuen Musik, die denselben Effekt erzielen würde. Dramatisch musste sie sein und gleichzeitig hymnisch, majestätisch sollte sie klingen und eingängig sein. All dies hatte auf O Fortuna zugetroffen und traf auch auf Maskes neue Auswahl Conquest of Paradise zu. Dessen Komponist, der griechische Musiker und Meister der elektronischen Musikinstrumente, der unter dem von seinem Vornamen Evangelios abgeleiteten Künstlernamen Vangelis firmiert, hatte nichts gegen die Verwendung seiner Musik. Im Gegenteil. Er dürfte sogar sehr froh gewesen sein, denn Maskes Verwendung bescherte Conquest of Paradise die Aufmerksamkeit, die die Musik ohne Zweifel verdient hatte und die sie ohne Maske wahrscheinlich nie bekommen hätte.

Denn der Historienfilm 1492 - Conquest of Paradise (1492 - die Eroberung des Paradises), zu dem Vangelis nicht nur Conquest of Paradise, sondern die komplette Filmmusik geschrieben hatte, war ein ziemlicher Flop. Und das zurecht, so die Filmkritiker, die kein gutes Haar an der Nacherzählung der "Entdeckung" Amerikas durch Kolumbus ließen. Auch dass der von Ridley Scott gedrehte Film rechtzeitig zur 500-Jahr-Feier Amerikas im Jahr 1992 fertig wurde, konnte ihn - trotz beeindruckender Bilder und großem Aufwand - nicht retten.

Das ist sicherlich ein Grund, warum die Filmmusik 1992 in ihrer Qualität nicht wirklich wahrgenommen worden war. Es fehlte die richtige Inszenierung, die zwei Jahre später Henry Maske bieten konnte. Conquest of Paradise und sein Maske-Vorgänger O Fortuna haben im Übrigen mehr gemein als nur einen ähnlich dramatischen Charakter, einen Hang zur orchestralen Bombastik und eine eingängige, repetitiv angelegte Melodie. Beide eint eine rückwärtsgewandte, also archaisierende Kompositionsweise, was bedeutet, dass sie nicht mit den musikalischen Mitteln ihrer Zeit, sondern nach musikalischen Prinzipien vergangener Zeiten komponiert wurden. Und das ist ganz logisch, denn beide Werke thematisieren Vergangenes.

Carl Orffs 1937 uraufgeführte Carmina burana basieren auf einer Sammlung von mittelhochdeutschen und lateinischen Gedichten und Texten, die im 11., 12. und 13. Jahrhundert von verschiedenen Autoren verfasst wurden, aber erst 1805 im Kloster Benediktbeuren gefunden wurden.

Darum besitzt O Fortuna einen lateinischen Text, genauso wie Conquest of Paradise - könnte man meinen. Doch der Liedtext von Conquest of Paradise ist kein echtes Latein, sondern eine sinnfreie Neuschöpfung, die so klingen soll wie Latein. Die Klanglichkeit der toten Sprache Latein wird hier mit klarer historisierender Absicht eingesetzt. Möglicherweise soll eine Assoziation zum gregorianischen Choral, der im Mittelalter in den Klöstern von den Mönchen gesungen wurde, hergestellt werden. Der pseudo-lateinische Liedtext stammt von Guy Protheroe, der gleichzeitig der musikalische Leiter des bei Conquest of Paradise singenden English Chamber Choirs ist.

Doch auch in musikalischer Hinsicht wird ein historischer Bezug hergestellt. Vangelis hat tief in der Musikgeschichte Spaniens gegraben, denn Kolumbus war ja bekanntlich im Auftrag der spanischen Königin Isabella I. unterwegs, um einen neuen Seeweg nach Indien zu finden. So finden sich einige Elemente spanischer Musik in Conquest of Paradise.

Da ist zunächst der dem Gesangsteil ostinat, also gleichbleibend zugrunde liegende Rhythmus zu nennen, dessen Ursprung im Bolero zu suchen ist. Der Bolero, ein spanischer Tanz aus dem 18. Jahrhundert im relativ langsamen 3/4-Takt, basiert auf einem feststehenden Grundrhythmus. Gleiches gilt für Conquest of Paradise wo dieser Rhythmus eintaktig ist und aus einer Abfolge von Achtel, 2 Sechzehnteln, Achtel, 2 Sechzehnteln und 2 Achteln besteht. Dieser Grundrhythmus zieht sich mal mehr mal weniger deutlich durch das ganze Stück. Man könnte ihn als vereinfachte Variante des Rhythmus bezeichnen, den Maurice Ravel für seinen berühmten Boléro verwendet hat.

Harmonisch gesehen basiert der Gesangsteil auf einem anderen, sehr wahrscheinlich von der iberischen Halbinsel stammenden Modell, der Folia. Dabei handelt es sich um eine gleichbleibende und standardisierte Abfolge von Basstönen und damit verbundenen Akkorden, über die Melodien komponiert oder improvisiert wurden. Die harmonische Abfolge ist im folgenden Beispiel in d-Moll abgebildet. Sie besteht aus zwei mal acht Takten. Sie beginnt in d-Moll, um in den Takten 4 bis 6 in die parallele Durtonart F-Dur auszuweichen und dann wieder nach d-Moll zurückzukehren. Die ersten acht Takte enden offen auf dem Quintton a und dem dazugehörigen Dominantakkord A-Dur:

Takt 1 2 3 4 5 6 7 8
Basston d a d c f c d a
Akkord d-Moll A-Dur d-Moll C-Dur F-Dur C-Dur d-Moll A-Dur

Der zweite Achttakter ist im Grunde identisch mit dem ersten Achttakter, allerdings endet der zweite Achttakter, um eine Schlusswirkung zu erzielen, auf dem Grundton d und dem dazugehörigen Grundakkord (d-Moll). Die Dominante A-Dur wird auf den siebten Takt vorgezogen, der somit als einziger Takt zwei unterschiedliche Basstöne und Harmonien besitzt.

Takt 9 10 11 12 13 14 15 16
Basston d a d c f c d          a d
Akkord d-Moll A-Dur d-Moll C-Dur F-Dur C-Dur d-Moll A-Dur d-Moll

Vangelis hingegen gestaltet beide Achttakter genau gleich. Beide enden offen auf der Dominante A-Dur. Zusätzlich verwendet er im siebten und fünfzehnten Takt mit b und B-Dur statt d und d-Moll einen anderen Basston und Akkord:

Conquest of Paradise, Änderungen zum Folia-Modell fett markiert

Takt 1 2 3 4 5 6 7 8
Basston d a d c f c b a
Akkord d-Moll A-Dur d-Moll C-Dur F-Dur C-Dur B-Dur A-Dur

Takt 9 10 11 12 13 14 15 16
Basston d a d c f c b a
Akkord d-Moll A-Dur d-Moll C-Dur F-Dur C-Dur B-Dur A-Dur

Conquest of Paradise besteht aus zwei verschiedenen Formteilen: dem schon erwähnten Folia-Teil in d-Moll und einem Instrumentalteil, der in der gleichnamigen Durtonart D-Dur steht. Diese Aufhellung bringt nicht nur Abwechslung, sondern verleiht Conquest of Paradise das optimistische und triumphale Element, das Henry Maske benötigte. Auch hier gibt es eine Parallele zu Carl Orffs O Fortuna, das im Orchesternachspiel ebenso von der bis dahin vorherrschenden Molltonart in die gleichnamige Durtonart wechselt und der Glücksgöttin Fortuna einen wirkungsvollen Abgang beschert.

© 2018 by Jochen Scheytt

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