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Born in the USA
Interpret: Bruce Springsteen
Jahr: 1984
Vor einigen Tagen lief Bruce Springsteens Erfolgshit "Born in the USA" mal wieder im Radio. Doch jeglicher Versuch zu verstehen was Springsteen außer dem gebetsmühlenhaft wiederholten Refrain "Born in the USA, I was born in the USA" sonst noch singt, blieben erfolglos. Der "Boss" nuschelt irgendwelche kaum verständliche Worte in seinen nicht vorhandenen Bart. Wahrscheinlich dürfte es 99 Prozent der deutschen Bevölkerung in puncto Textverständlichkeit ähnlich ergehen. Vielleicht könnte man der Sache mit einem Kopfhörer und einigen Wiederholungen näher kommen. Aber wer macht sich schon die Mühe.
So scheint es auch manchen Amerikanern zu ergehen. Anders ist es nämlich nicht zu erklären, dass Ronald Reagan bei seinem Präsidentschaftswahlkampf 1984 diesen Song zur Wahlkampfhymne machte, sicherlich in der Überzeugung, einen patriotischen Song vor sich zu haben. Vielleicht hat sich im Wahlkampfteam auch nur niemand die Mühe gemacht richtig hinzuhören. Denn "Born in the USA" ist keine vaterlandsverherrlichende Hymne. Im Gegenteil. Deshalb beharrte der damals nicht um Erlaubnis gefragte Springsteen auch darauf, dass die Verwendung von "Born in the USA" wieder eingestellt werden musste. Was peinlich genug war.
Dass Springsteens "Born in the USA" nicht nur ein patriotischer Song ohne Message ist, hätte sich eigentlich jeder denken können, der auch nur ein bisschen etwas über ihn weiß. Springsteens Songs sind oft politisch, und seine Herkunft aus der einfachen Arbeiterklasse lässt ihn zum Anwalt des kleinen Mannes und der Benachteiligten werden.
Sicherlich auch deshalb ist ihm die arrogante Regierungsführung George W. Bushs so ein Dorn im Auge. Wir erinnern uns an den aktuellen Wahlkampf George W. Bush gegen John Kerry aus dem Jahr 2004. Sehr deutlich hatte sich Springsteen zusammen mit einigen anderen Musikern gegen Bush gewandt, vor allem gegen dessen Irakkrieg. Diese Kritik unterstrich Springsteen mit Auftritten, bei denen er offensiv Kerry unterstützte und als einer der wenigen Showgrößen es wagte, Bush öffentlich scharf zu kritisieren.
Doch zurück ins Jahr 1984, dem Jahr der Veröffentlichung von "Born in the USA". Oft wird der von George W. Bush gestartete Irakkrieg mit dem Vietnamkrieg verglichen. Dieser war 1984 schon fast ein Jahrzehnt vorbei, dennoch kämpfte die amerikanische Gesellschaft noch sehr mit den Folgen des Kriegs, nämlich den traumatisierten Kriegsveteranen, die es nicht schafften, das Erlebte zu verarbeiten und sich in das normale Leben wieder einzugliedern.
Um einen solchen Veteranen geht es auch in "Born in the USA", von Bruce Springsteen in der Ich-Form erzählt. In einem trostlosen Provinzkaff geboren ("dead man's town"), von Geburt an symbolisch getreten ("the first kick I took when I hit the ground"), verbringt er seine Jahre mit ständig eingezogenem Kopf ("you spend your half life just covering up"), bis er eines Tages nach Vietnam eingezogen wird. Wieder zurück erntet er nur Unverständnis ("son, don't you understand") und ist auch nach zehn Jahren ("I'm ten years down the road") mit seinen Erinnerungen und der perspektivenlosen Gegenwart ("nowhere to run, ain't got nowhere to go") noch alleine.
Musikalisch ist der Song äußerst minimalistisch. Er besteht nur aus zwei Harmonien und benutzt für die Strophen und den Refrain die gleiche Melodie. Es ist wie ein Drehwurm, wie ein ständiges Rotieren des selben Gedankens im Kopf. Der Beginn mit den hohlen Synthesizer-Fanfaren über einer einsamen Snare-Drum, die den Backbeat markiert, zeigt die Falschheit; dies kann keine glorreiche Hymne, kein glanzvoller militärischer Auftakt sein, sondern nur die pure Desillusion, das was bleibt wenn die harte Realität Einzug hält.
Vietnam war ein Trauma für die Vereinigten Staaten, das in vielen Songs und Filmen verarbeitet wurde. Stellvertretend seien hier folgende Songs zur Thematik genannt: Billy Joel: "Goodnight Saigon", Kenny Rogers: "Ruby, don't take your love to town", Paul Hardcastle: "Nineteen" oder Huey Lewis and the News: "Walking On A Thin Line".


© 2006 by Jochen Scheytt

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