Astrud Gilberto: The Girl from Ipanema

Das Lehrstück über die Behandlung von Frauen im Musikbusiness der 1960er Jahre

Über die Entstehung des The Girl from Ipanema gibt es viel zu berichten; so viel, dass es den Rahmen der Artikel auf dieser Webpräsenz definitiv sprengen würde. Alleine die Vorgeschichte, als die beiden Autoren, der damals 48-jährige Lyriker Vinícius de Moraes und der 34-jährige Musiker Antonio Carlos Jobim, in der Veloso-Bar im Rio de Janeiroer Stadtteil Ipanema auf Heloísa Eneida Menezes Paes Pinto, kurz Helô genannt, aufmerksam wurden und sich von ihr zum Liedtext und zur Komposition inspirieren ließen, ist schon eine eigene Abhandlung wert.

Die Konzentration soll hier aber auf den Tonaufnahmen 1963 in den USA liegen, die nicht nur das Girl from Ipanema, sondern auch den neuen Musikstil Bossa Nova und die damals erst 22 Jahre alte Sängerin Astrud Gilberto weltberühmt machten und ein Schlaglicht darauf werfen, wie mit Frauen im männerdominierten Musikbusiness damals umgegangen wurde.

Dazu zuerst ein kurzer Rückblick. Die Jahre nach dem II. Weltkrieg waren im Jazz eine Zeit des großen Umbruchs. Auf den nervösen und laut aufschreienden Bebop folgten in den 1950er Jahren verschiedene musikalische Strömungen, die in fast allen Bereichen gegensätzlich zum Bebop waren, und die trotz ihrer Verschiedenartigkeit unter dem gemeinsamen Begriff Cool Jazz subsummiert wurden. Der Cool Jazz inspirierte die Musiker in Brasilien stark. Vor allem bei Luis Bonfà, Antonio Carlos Jobim und João Gilberto ging die Saat auf, und aus der Vermischung der Samba Canção, der gesungenen Samba und dem Cool Jazz entstand eine neue Musik, die fortan "Neue Welle", "Bossa Nova" genannt wurde.


Jochen Scheytt: Popsongs und ihre Hintergründe.

30 Songs der Popsongs-Seiten und 30 weitere jetzt als Buch und als e-Book. Books on Demand Verlag, 2020. Erhältlich im Onlineshop von Books on Demand und in allen Online-Buchhandlungen.
Weitere Informationen zum Buch

Als im Jahr 1961 einige US-amerikanische Musiker, darunter der Gitarrist Charlie Byrd, eine Gastspielreise nach Südamerika unternahmen, waren sie von dem neuen Sound in Brasilien begeistert und nahmen Tonaufnahmen mit in die Staaten. Byrd spielte die Aufnahmen dem Saxophonisten Stan Getz vor, und beide beschlossen, ein Album im neuen Bossa-Nova-Sound zu produzieren. Das so entstandene Album Jazz Samba feierte einen beachtlichen kommerziellen Erfolg mit Platz 1 in den US-Pop-Album-Charts. Der wirkliche Durchbruch kam dann durch die Zusammenarbeit von Stan Getz mit den beiden Bossa-Pionieren Jobim und Gilberto zustande. Zusammen nahmen sie das Album Getz/Gilberto auf, auf dem auch The Girl from Ipanema zu finden war.

Die Aufnahmen zu Getz/Gilberto fanden im März 1963 in New York statt. Diese liefen alles andere als reibungslos, denn es erwies sich durchaus als schwierig, die drei Musiker mit ihren unterschiedlichen Charakteren zu einem gemeinsamen Ganzen zusammenzuführen. Glaubt man den verschiedenen Quellen, stellten sich hier vor allem João Gilberto und Stan Getz als komplizierte Charaktere heraus. So war es anscheinend schwierig, João Gilberto überhaupt aus seinem Hotelzimmer heraus ins Studio zu locken, und Stan Getz besaß eh den zweifelhaften Ruf, ein Tyrann zu sein, der schlecht mit Frustration umgehen konnte und sich rücksichtslos gegen Kollegen verhielt, wenn es darum ging seine Interessen durchzusetzen. Eine vermittelnde Rolle spielten in diesem Zusammenhang Stan Getz' Ehefrau Monica und der Produzent im Studio Creed Taylor.

Auch wenn die Bossa Nova schon Erfolge in den USA feierte, waren es doch bis dorthin nur rein instrumentale Versionen gewesen. Man wusste, dass der Durchbruch nur mit Gesangstiteln zu erreichen sein würde, doch hier stand die Sprachbarriere dem Ganzen im Weg - die Amerikaner wurden mit den portugiesisch gesungenen Songs nicht wirklich warm. So schrieb Norman Gimbel einen englischen Liedtext zum Garota di Ipanema, wie The Girl from Ipanema im portugiesischen Original hieß. (1) Man wollte diesen Song unbedingt auf die Platte nehmen, die Frage war aber nun, wer diese Version singen sollte. João Gilberto kam aufgrund mangelnder, beziehungsweise nicht vorhandener Englischkenntnisse nicht in Frage. Und so kam an dieser Stelle mangels Alternativen Astrud Gilberto ins Spiel.

Astrud Gilberto sang also kurzentschlossen The Girl from Ipanema und anschließend auch Cordovado ein. Sie tat dies mit einer völlig ungekünstelten, natürlichen Stimme auf eine unprätentiöse und gleichzeitig sinnliche Art und Weise, die zu ihrem Markenzeichen werden sollte und die The Girl from Ipanema zu seinem beispiellosen Erfolg verhelfen sollte. Die gleichzeitig aber immer wieder, von Beginn an, Anlass zu Kritik bot, da ihr Gesang in den Ohren einiger Menschen den Anschein von mangelnder Qualität erweckte.

Es ist heute nicht klar, wie es genau dazu kam und wessen Idee es war, sie zu beteiligen. Einigkeit herrscht darüber, dass Astrud Gilberto nicht für dafür vorgesehen war, auf der Platte mitzuwirken. Sie war wohl ausschließlich als Begleitung ihres Mannes mitgekommen. Da hören die Gemeinsamkeiten aber auch schon auf und im Lauf der Jahre gaben alle Beteiligten Unterschiedliches und zum Teil Gegensätzliches zu Protokoll. So erinnerte sich Stan Getz folgendermaßen:

"Gilberto and Jobim didn't want Astrud on it. Astrud wasn't a professional singer, she was a housewife. But when [...] she sang "Ipanema" and "Corcovado", I thought the words in English were very nice. Astrud sounded good enough to put on record." (2)

Außerdem sagte er in einem Interview im Jahr 1966:

"She was just a housewife then, and I put her on that record because I wanted ‘The Girl From Ipanema’ sung in English – which João couldn’t do. " (3)

Dass Stan Getz Astrud Gilberto auch nach Jahren noch abschätzig als singende Hausfrau bezeichnete, war bezeichnend für seine Einstellung gegenüber Astrud, die von mangelndem Respekt kündet. Astrud Gilberto war zwar in der Tat keine professionelle Sängerin, war aber in einem musikalischen Haushalt aufgewachsen und hatte in jungen Jahren Anschluss an die Bossa-Szene in Rio de Janeiro gefunden, wo sie auch ihren späteren Ehemann João kennenlernte. Mit diesem hatte sie auch öffentliche Auftritte als Sängerin in verschiedenen Colleges. Sie sang also nicht zum ersten Male, sondern hatte schon Erfahrung, war also nicht die unbedarfte Hausfrau, als die sie von Getz dargestellt wurde.

Dass Getz sich außerdem dazu aufschwang, persönlich und gegen den Willen von João Gilberto und Jobim für ihr Mitwirken verantwortlich zu sein, veranlasste Astrud Gilberto - allerdings erst Jahrzehnte später in einem Artikel auf ihrer damaligen Webpräsenz - zu einem klaren Dementi, bei dem sie nicht nur Getz, sondern auch den Produzenten Creed Taylor der Lüge bezichtigte.

“The funny thing is that after my success, stories abound as to Stan Getz or Creed Taylor having ‘discovered me,’ when in fact, nothing is further from the truth. I guess it made them look ‘important’ to have been the one that had the ‘wisdom’ to recognize talent or ‘potential’ in my singing… I suppose I should feel flattered by the importance that they lend to this, but I can’t help but feel annoyed at the fact that they resorted to lying!”

Creed Taylor, der Produzent der LP, sagte allerdings, dass nicht er, sondern Stan Getz' Ehefrau Monica eine entscheidende Rolle gespielt habe, indem sie dafür sorgte, dass Astrud aus dem Hotelzimmer ins Aufnahmestudio kam, um zu singen:

"Monica went up and pulled her out of the hotel to get her to come down and sing it in English, because it was such a great song" (4)

Der Toningenieur Phil Ramone erinnerte sich allerdings, dass Astrud selbst angeboten hätte, den Song singen zu können:

“Producer Creed Taylor said he wanted to get the song done right away and looked around the room. Astrud volunteered, saying she could sing in English. Creed said, ‘Great.’ Astrud wasn’t a professional singer, but she was the only victim sitting there that night.” (5)

João Gilberto äußerte sich selbst nie wirklich dazu, schrieb nur in den originalen Linernotes der LP, dass er die Art und Weise mochte, wie sie sang. Er schrieb darüberhinaus, dass Getz Astrud fragte, ob sie den Song aufnehmen wolle, nachdem er sie singen gehört hatte. (6)

Irgendwie ist dieses ganze Hin und Her symptomatisch für die Art und Weise, wie mit Astrud Gilberto umgegangen wurde. Ohne ihren Beitrag hätte es die Bossa Nova nicht zu nationaler Bekanntheit und millionenfachen Verkaufszahlen geschafft, trotzdem ging es den Beteiligten, allen voran Stan Getz, nur um die Frage, wer die Meriten dafür einstreichen konnte sie entdeckt zu haben, um ihr gleichzeitig aber die Qualität abzusprechen.

Die mangelnde Wertschätzung Astrud Gilberto gegenüber drückt sich dann auch sehr deutlich in der Tatsache aus, dass man es nicht für nötig hielt, sie auf dem Cover der LP Getz/Gilberto als Solistin aufzuführen! Weder auf dem Front Cover, auf dem Stand Getz und João Gilberto zuerst erwähnt wurden, mit dem Zusatz "featuring Antonio Carlos Jobim", war ihr Name zu lesen, noch wurde sie sonst irgendwo bei den Credits als Ausführende aufgeführt. Genauso wenig war sie auf dem großformatigen Bild zu sehen, das die drei Männer Getz, Gilberto und Jobim im Studio zeigte. Einzig aus den Liner Notes, die aus drei Beiträgen von Stan Getz, João Gilberto und dem Musikjournalisten Gene Lees bestanden, konnte man erfahren wer da sang, da sowohl Gilberto und Lees im Text auf ihre Rolle als Sängerin hinwiesen.

Als ob das noch nicht genug gewesen wäre, ihre künstlerische Leistung auf dem Cover zu verschweigen, ging es auch beim Geld darum sie auszuschließen. Hier war der charakterlose Stan Getz die treibende Kraft, der - nicht zuletzt durch einen Anruf beim Produzenten Creed Taylor - sicherstellte, dass Astrud Gilberto nicht an den Tantiemen für das im Endeffekt äußerst erfolgreiche Album und die Single beteiligt wurde. (7) Er selbst wurde dadurch reich, man spricht von einer knappen Million Dollar, die er damit verdiente. Von diesem Geld kaufte er sich eine Villa im Stil von Südstaaten-Herrenhäusern in Irvington, New York, mit 23 Schlafzimmern. (8) João Gilberto erhielt für seine Mitwirkung 23.000 Dollar. (9) Astrud Gilberto bekam dagegen nur die von der Musikergewerkschaft vorgeschrieben Studio-Gage von 120 Dollar! (10)

Leider erfuhr Astrud Gilberto auch in ihrer Heimat Brasilien nie die Anerkennung, die sie verdient gehabt hätte, und die sie sich sicherlich gewünscht hatte. Sie wurde als Außenseiterin betrachtet, die ihren Erfolg in den USA einfuhr und mehr aus Zufall zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Die brasilianische Presse ging auch alles andere als schonend mit ihr um und so trat Astrud Gilberto nach 1965 auch nie mehr in Brasilien auf.

Es wäre jetzt unfair, Astrud Gilberto auf das Girl from Ipanema zu reduzieren, da sie allein in den Folgejahren bis 1971 allein acht Soloalben aufnahm und mit vielen Größen des Musikbusiness zusammenarbeitete. Trotzdem ist ihr Name untrennbar verbunden mit dem Girl from Ipanema, dem Song, der ihr Leben veränderte und der auf sie gewartet zu haben schien. Ein Song, den vielleicht nur sie allein verkörpern konnte, denn im Grunde war sie in diesem einen Moment im Studio selbst das Girl from Ipanema.

(1) Dieser Liedtext stieß bei Antonio Carlos Jobim nicht gerade auf Begeisterung, da er seiner Meinung nach nicht die Poesie des portugiesischen Originals besitzt - eine Meinung, der man sich problemlos anschließen kann. In seiner gewissen Oberflächlichkeit passte er aber sehr gut zur US-amerikanischen Kultur. Der Erfolg der Gimbel-Version bestätigt dies uneingeschränkt.
(2) Zitiert nach: Ramsey, Doug. CD-Begleitheft zu "Getz/Gilberto". The Verve Music Group, 2005.
(3) Zitiert nach: Chilton, Martin. Why Astrud Gilberto Is So Much More Than ‘The Girl From Ipanema’. . Abgerufen am 7.11.2025.
(4) Zitiert nach: Ramsey, Doug. CD-Begleitheft zu "Getz/Gilberto". The Verve Music Group, 2005.
(5) Zitiert nach: Chilton, Martin. ‘He made sure that she got nothing’: The sad story of Astrud Gilberto, the face of bossa nova. 15.2.2022. Abgerufen am 25.2.2026.
(6) Gilberto, João. Original Liner Notes zu Getz/Gilberto. Abgedruckt im CD-Begleitheft. The Verve Music Group, 2005.
(7) Chilton, Martin, a.a.O.
(8) Castro, Ruy. The Sound of Ipanema. Eine Geschichte der brasilianischen Musik. Koch International GmbH/Hannibal, 2011. S. 310.
(9) In der deutschen Ausgabe von Ruy Castros The Sound of Ipanema steht fälschlicherweise dreiundzwanzig Millionen Dollar, was natürlich nicht sein kann. In anderen Quellen ist die Zahl mit 23.000 Dollar richtig angegeben.
(10) Castro, Ruy, a.a.O.

Kontakt

  © 2026 by Jochen Scheytt

Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Komponist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.