Album: "Look to the Rainbow" (1977)
Take five ist eine der faszinierendsten und beeindruckendsten Aufnahmen Al Jarreaus. Hier vereint sich seine Vokalkunst in all ihren Facetten in einer großen Leichtigkeit und kreativen Energie mit einem der bekanntesten Standards der Jazzgeschichte.
Veröffentlicht wurde Take five auf dem Live-Album Look to the Rainbow aus dem Jahr 1977. Die 12 Songs für das Album wurden bei einer Tournee im Januar und Februar 1977 in Europa aufgenommen. Vier davon stammen von den Vorgängeralben We got by aus dem Jahr 1975 und Glow aus dem Jahr 1976. Die restlichen Songs, darunter auch Take five, waren zuvor noch nicht veröffentlicht worden.
Look to the Rainbow erschien 1977 als Doppel-LP mit einer Spielzeit von 1 Stunde und 19 Minuten. Da CDs zu Beginn eine maximale Laufzeit von 74 Minuten, also 1 Stunde 14 Minuten, besaßen, musste bei der Übernahme der Doppel-LP zur CD gekürzt werden. Leider betraf dies auch Take five, das mit einer Länge von 6:44 Minuten auf die CD gepresst wurde, auf der LP aber eine Länge von 7:31 Minuten hatte. Somit fehlen auf der CD die ersten 47 Sekunden, in denen Al Jarreau Take five quasi aus dem Nichts heraus entstehen lässt. Das ist ein herber Verlust, der den Song richtiggehend amputiert. Statt der Kürzungen wäre die bessere Lösung sicher gewesen, auf einen Song der LP ganz zu verzichten.
Eine wissenschaftliche Arbeit zu Al Jarreau. Mit Analysen zur vokalen Improvisation und der Harmonik einiger ausgewählter Songs. Grin Verlag, 2008.
Take five ist auch der einzige wirklich bekannte Jazz-Standard auf Look to the Rainbow. Auch wenn Take five meist in einem Atemzug mit Dave Brubeck genannt wird, ist es doch eine Komposition von Paul Desmond, dem Altsaxophonisten des Dave Brubeck Quartet. Take five wurde 1959 auf dem Album Time Out veröffentlicht und weist im Titel sowohl auf die in der populären Musik und speziell im Jazz doch recht ungewöhnliche Taktart hin, einen 5/4-Takt, als auch auf die umgangssprachliche Phrase "to take five", was soviel bedeutet wie "take a short (5 minute) break".
Brubeck hatte 1958 bei einer Tournee, die ihn mit seinem Quartett durch Polen, die Türkei, Indien, Sri Lanka, Bangladesh, Pakistan, Afghanistan, den Iran und den Irak führte, Bekanntschaft mit ungeraden Taktarten und Metren gemacht und verarbeitete diese nach seiner Rückkehr in verschiedenen Kompositionen, unter anderem in den auf Time Out zu findenden Blue Rondo a la Turk im 9/8-Takt, Pick up Sticks im 6/4-Takt, Three to get ready mit einem ständigen Wechsel von 3/4- und 4/4-Takten, und nicht zuletzt Take five im 5/4-Takt.
Die Anregung für die Komposition von Take five geht allerdings auf den Drummer des Quartetts, Joe Morello, zurück, der bei seinen Drumsoli mit dem 5er-Takt experimentierte und der zusammen mit Dave Brubeck bei Paul Desmond eine Komposition in dieser Taktart anregte. Die beiden Melodien, die Desmond schrieb und die eher "melodische Ideen" waren (1), wurden anschließend noch von Brubeck zu einer ABA-Form zusammengestellt und mit dem berühmten Klavierpattern unterlegt, das im A-Teil aus nur zwei Akkorden (Ebm und Bbm7) besteht und sich aus einer 3er- und einer 2er-Einheit zusammensetzt. (2)
Auffallend bei der Originalaufnahme von Take five ist, dass Brubeck das Begleitpattern den ganzen Song über rhythmisch unverändert durchspielt, und das ungewöhnlicherweise auch während des langen Drum Solos. Ostinate Patterns sind zum einen ein bewusst gewähltes Gestaltungselement, das sich auch auf anderen Aufnahmen Brubecks aus der Zeit wiederfand, die Verwendung mag zum anderen aber auch der Tatsache geschuldet sein, dass das Quartett Take five anfangs mit einem anderen Groove versucht hatte, und dies im Aufnahmestudio nicht annähernd funktioniert hatte. Die Band hatte - wie Tonbänder der Proben zeigen - große Schwierigkeiten, den 5er-Takt zu halten. (3) Dies lag aber natürlich nicht an der mangelnden Qualität der Musiker, sondern an der Tatsache, dass sie die ersten waren, die mit solchen Taktarten experimentierten und dementsprechend noch wenig Routine hatten. Das strikt durchgehaltene Pattern war da sicher eine Hilfe.
Tom Canning, Al Jarreaus Keyboarder, verzichtet bei Al Jarreaus Take five-Version auf ein durchlaufendes Pattern, gestaltet den Keyboardpart freier und mit erweiterten Akkorden und Akkordersetzungen, und überlässt es dem Bassisten Abe Laboriel, das 5er-Pattern durchzuspielen. Überhaupt fehlt Al Jarreaus Version die gewisse formale Strenge, die Brubecks Originalaufnahme noch umgab. Ist diese klar in die Segmente Thema, Saxophonsolo, Schlagzeugsolo und Thema eingeteilt, fließen bei Al Jarreau die Formteile ineinander und werden vor allem durch seine vokale Gestaltung miteinander verknüpft und in einen großen Spannungsbogen gesetzt.
Ähnlich wie Brubeck startet Jarreau Take five rein perkussiv, lässt den Song aber anders als im Original, wo Joe Morello mit dem fertigen Drumgroove startet, aus Zischlauten entstehen. Diese verschiedenen Laute im 5/4-Takt gehen kurz danach über in ein deklamiertes, wiederholtes "One-a two three, and four-a five-a", das den 5er-Takt etabliert und von gesprochenen Textteilen - Vorwegnahmen des folgenden Liedtextes - unterbrochen wird.
Notenbeispiel 1: Vocal percussion, "Take five", ab 0:14 Minuten
Mit dem Einsteigen der Band beginnt Jarreau mit einer dreizehntaktigen vokalen Imitation von drei verschiedenen Congas auf den Tönen a, c und d (4). Aus den Conga-Tönen entwickelt sich eine Melodie, die als eine Art Pre-Chorus den Übergang zum Thema von Take five einleitet. Dieselbe Melodie nutzt Jarreau auch als Überleitung zwischen den drei Themendurchgängen, die jeweils um einen halben Ton ansteigen (von Dm über Ebm nach Em). Die Steigerung der Intensität wird aber nicht nur durch das Ansteigen der Tonhöhe, sondern auch durch Al Jarreaus zunehmend freiere und in höherer Lage vorgetragene vokale Interpretation des Themas erreicht. Auch die Band trägt durch zunehmende Verdichtung und sich steigernde Dynamik an diesem Prozess teil.
Ein kluger Arrangier-Schachzug ist, nach diesem ersten Höhepunkt, dem dritten Themendurchgang in e-Moll, die Tonhöhe innerhalb weniger Takte wieder um die beiden Halbtöne absteigen zu lassen. Dadurch kann Al Jarreau sein Gesangs-Solo von einem niedrigen Energielevel aufbauen, erhält also die Möglichkeit, wieder einen längeren Spannungsbogen aufzubauen. Dies tut Al Jarreau nun auch in einem dreiminütigen Solo auf seine spezielle Art und Weise, bei der er Zischlaute, Hechellaute, gesprochenen Text, Imitationen von Instrumenten und melodische Improvisationen auf abwechselnd Text oder Scatsilben mischt und immer wieder auf den Rhythmus als treibende Kraft zurückkommt. Ein schier unglaublicher Höhenflug, der organisch in das finale Anspielen des Themas übergeht, das hier aber nur noch verkürzt zitiert und über eine Unisono-Figur zum Abschluss gebracht wird.
Dass die Soli Al Jarreaus immer unterschiedlich sind, weil sie aus dem entsprechenden Moment und der damit verbundenen Stimmung entstehen, zeigt sich, wenn man die Take five-Version von Look to the Rainbow mit einer anderen Live-Version vergleicht, die für The Al Jarreau Show im Jahr 1975 vom NDR-Fernsehen aufgezeichnet wurde. (5) Im Video kann man diesen kreativen Akt, die damit verbundene ungeheure Spielfreude und das Aufgehen im Moment des Musizierens nicht nur hören, sondern auch sehen und versteht, warum Al Jarreau die Menschen mit seiner Musik so begeistern konnte.
(1) Crist, Stephen A. Dave Brubeck's Time Out Oxford University Presse, 2019, S. 113.
(2) Im Grunde sind alle Taktarten vom Vierertakt aufwärts, zusammengesetzt aus 3er und 2er-Einheiten. Ein 4/4-Takt
besteht aus 2+2, Brubecks Unsquare Dance im 7/4-Takt besteht aus 2+2+3, Blue Rondo a la Turk
im 9/8-Takt aus abwechselnd 2+2+2+3 und 3+3+3.
(3) Alberge, Dalya.
Take one: lost Dave Brubeck tapes reveal jazz hit originally sounded like ‘a bad student band’.
8. Februar 2020. Abgerufen am 17.2.2026.
(4) Das komplette, transkribierte Conga-Solo findet sich in meiner Zulassungsarbeit
Al Jarreau - Studien seiner Entwicklung vom Jazz- zum Popinterpreten
(5) Das am 17. Oktober 1975 vom NDR aufgezeichnete Konzert Al Jarreaus in den Rolf-Liebermann-Studios in Hamburg
unter den Titel "The Al Jarreau Show" ist auf youtube als komplette Sendung
anzuhören und anzuschauen:
https://www.youtube.com/watch?v=vCNp-I7yBEs&list=RDvCNp-I7yBEs&start_radio=1 Take
five beginnt ab 15:32 Minuten.
Abgerufen am 17.2.2026.
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