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Sweet Home Alabama
Interpret: Lynyrd Skynyrd
Jahr: 1974
Die Bilder stehen einem noch ganz lebhaft vor Augen. Die Bilder vom Sommer 2005, als New Orleans, die Wiege des Jazz, in den braunen Fluten versank, nachdem Hurrikan Katrina gewütet hatte. Tausende von afro-amerikanischen Bewohnern der Stadt warteten verzweifelt darauf, aus der untergegangenen Stadt evakuiert zu werden. Doch wo waren die weißen Bewohner? Die waren längst weg, und man bekam das Gefühl nicht los, dass von offizieller Regierungsseite nicht alles unternommen wurde, um die arme schwarze Bevölkerung aus ihrem Leid zu erlösen.
Bald war der Vorwurf zu hören, dass die Schwarzen immer noch Menschen zweiter Klasse seien, auf jeden Fall im von seinen sklavischen Traditionen geprägten Süden der USA. Zwar sei die Segregation, also die Rassentrennung, seit den Sechzigern, seit der Bürgerrechtsbewegung unter Führung von Martin Luther King offiziell abgeschafft, doch in Situationen wie diesen merke man, dass in den Köpfen der Menschen im Süden altes Denken immer noch vorhanden sei.
Diese Vorwürfe sind nicht neu. So sang der kanadische Sänger Neil Young sein Lied vom "Southern Man", das er 1970 auf der LP "After the Goldrush" veröffentlichte. Darin äußerte er sich in ziemlich deutlichen Worten zur Situation der Schwarzen, dabei Bilder aus der Vergangenheit aufgreifend wie zum Beispiel die brennenden Kreuze, das Symbol des Ku Klux Klans:
        Southern man better keep your head
        Don't forget what your good book said
        Southern change gonna come at last
        Now your crosses are burning fast
        Southern man
        "Südstaatler, bewahr mal die Ruhe,
        vergiss nicht was deine Bibel dir sagt.
        Die Veränderung im Süden wird schlussendlich kommen,
        nun wo deine Kreuze schnell verbrennen,
        Südstaatler"
        I saw cotton and I saw black
        Tall white mansions and little shacks.
        Southern man when will you pay them back?
        I heard screamin' and bullwhips cracking
        How long? how long?
        "Ich sah die Baumwolle und die Schwarzen,
        große weiße Herrenhäuser und kleine Hütten.
        Südstaatler wann wirst du sie zurückzahlen?
        Ich hörte das Schreien und das Schlagen der Rinderpeitschen.
        Wie lange noch?"
Dass er sich damit bei vielen Bewohnern des Südens nicht beliebt machte, war ihm sicherlich sehr wohl bewusst. Trotzdem, oder gerade deshalb, legte er zwei Jahre später noch nach: mit dem Song "Alabama" vom Album "Harvest".
        Alabama, you got the weight on your shoulders that's breaking your back.
        Your Cadillac has got a wheel in the ditch and a wheel on the track.
        "Alabama, du hast eine Last auf den Schultern, die dir das Rückgrat brechen wird.
        Dein Cadillac steht mit einem Rad im Graben und mit dem anderen auf der Fahrbahn."
So lautet seine Analyse, die mit der Last die Last der Vergangenheit und den Umgang mit den Afro-Amerikanern meint. Und er sieht die Situation als recht verfahren an, denn so lange das Auto zur Hälfte im Graben steht, wird sich auch nichts bewegen.
Im Jahr 1974 dann kam die musikalische Reaktion. Sie kam von der aus dem Norden Floridas stammenden Südstaatenband Lynyrd Skynyrd. "Sweet Home Alabama" hieß der Song, in dem Neil Young zur persona non grata in den Süstaaten erklärt wurde:
        Well I heard mister Young sing about her
        Well, I heard ole Neil put her down
        Well, I hope Neil Young will remember
        A Southern man don't need him around anyhow
        "Ich habe Mister Young über sie (Alabama) singen hören,
        ich habe gehört, wie der alte Neil sie runtergemacht hat.
        Ich hoffe, dass Neil Young nicht vergisst,
        dass er in den Südstaaten gar nicht erst aufzutauchen braucht."
Rückblickend ist allerdings nicht ganz klar, wie ernst die ganze Geschichte gemeint war. Es heißt, Lynyrd Skynyrd und Neil Young hätten sich gegenseitig musikalisch respektiert. Ronnie van Zant, der Leadsänger von Lynyrd Skynyrd, äußerte sich einmal in einem Interview folgendermaßen: "We wrote Alabama as a joke. We didn't even think about it - the words just came out that way. We just laughed like hell, and said 'Ain't that funny'... We love Neil Young, we love his music..." (1) Ronnie van Zant lief sogar oft im Neil-Young-T-Shirt durch die Gegend. Ironie oder ernst gemeint?
Es schwer zu sagen. Tatsache ist, dass Lynyrd Skynyrd durch den Neil Young-Text und Auftritte mit der Confederation-Flag, also der Fahne der Südstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg, von der Öffentlichkeit in der rassistischen Ecke angesiedelt wurden - ein Image, dem Lynyrd Skynyrd nicht bewusst widersprochen haben. Vielleicht auch nur deshalb, weil ihnen dieses Image auf jeden Fall Aufmerksamkeit und damit auch Erfolg bescherte. Und der Zweck heiligt ja bekanntlich die Mittel.

(1) zitiert nach: http://www.angelfire.com/tn/LSkynyrd/history.html


© 2006 by Jochen Scheytt

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