| Im folgenden soll das Konzeptalbum "The Seduction of Claude Debussy" der
Gruppe "The Art of Noise" vorgestellt werden. Es ist der einzige mir bekannte Versuch, die Musik
Claude Debussy im Bereich der modernen populären Musik zu verarbeiten. Während es
inzwischen fast unzählige Popversionen von Bachs Musik oder Beethovens Fünfter gibt, hat sich an die
Musik Debussy noch niemand herangewagt. |
| Die Frage ist, warum das so ist.
Bach allgemein oder auch Beethovens schnelle Sätze sind sehr rhythmische Musik, die
ihr Tempo kaum oder gar nicht variieren, und deshalb
gut in die Popmusik umsetzbar, die ja auch eine sehr starke, gleichbleibende rhythmische Komponente besitzt.
Debussys Musik hingegen besitzt selten einen durchgehenden, über längere Zeit
durchgehaltenen Rhythmus und ist oft sogar bewusst rhythmisch ungenau komponiert. Außerdem
drängt sie oft nach vorn oder hält an, ändert also häufig das Tempo. Kann
solche Musik Grundlage für Popmusik sein? |
| Nicht ohne weiteres, und das erklärt auch die Machart von "The
Seduction of Claude Debussy". Oft werden nur kleinste Ausschnitte aus den Werken Debussys
herausgeschnitten, manchmal nur eine kurze Harmonieverbindung oder ein kleiner Melodiefetzen,
und anschließend geloopt, also endlos aneinander gehängt. Somit besitzen die
Stücke auch keine innere Entwicklung, sondern sind
mehr als Klangcollagen aufzufassen. Zusammen mit den Sounds aus den Samplern und Synthesizern,
und den Beats, die darunter gelegt werden, ist das natürlich
kein Debussy mehr, sondern ein ganz neuer Klangkosmos, der sich nur bei Debussy als Anstoß, als
Inspiration bedient. |
| "The Art of Noise" sagen selbst in einem Interview: "We're very keen
to point out that this isn't a Debussy record." Es ist einfach "The Art of Noise" at their
best, und auf jeden Fall wert gehört zu werden. |
| Wer sind "The Art of Noise"? |
| Als Kopf der Gruppe darf sicherlich Trevor Horn (ganz rechts) bezeichnet werden. Er war
in den 80ern einer der einflussreichsten und erfolgreichsten britischen Produzenten. Er stand
hinter Gruppen und Interpreten wie Frankie goes to Hollywood, Yes, ABC, Seal, Rod Stewart und
vielen anderen.
|
 |
| Die Gruppe "The Art of Noise" entstand 1983. Bei der Produktion von "The Seduction of Claude
Debussy" im Jahr 1999, die nach langjähriger Pause entstand, waren noch drei Mitglieder aus
der Anfangsformation dabei, nämlich
neben Trevor Horn Paul Morley (2 v.l.) und Anne Dudley. Neu war der davor bei 10CC spielende Lol Creme.
|
| "The Seduction of Claude Debussy" |
| "The Seduction of Claude Debussy" ist mit Sicherheit eines der
interessantesten Projekte der letzten Jahre aus dem Klassik-Pop-Bereich. Stilistisch ist die Einordnung gar nicht leicht. Es ist eine
Mischung aus Elementen von Klassik, Jazz, Pop, Hip-Hop, Rap und Ambient.
|
 |
| Die Stärke des Albums liegt in den tollen, meist elektronisch erzeugten
Sounds, den Arrangements und der absolut perfekten Produktion.
Reizvoll ist der bei einigen Titeln bewusst eingesetzte Kontrast zwischen der klassischen
Singstimme von Sally Bradshaw und der Popstimme von Donna Lewis.
|
| Zusammengehalten wird das Album von einem Erzähler, der die Tracks
miteinander verbindet, und teilweise auch über den Titeln spricht. Er lässt Debussys
Leben, seinen Charakter, und gewisse Eigenheiten Debussys am Zuhörer vorbeiziehen und gibt
den Einzeltiteln somit einen Zusammenhang. Die Stimme des britischen Schauspielers John Hurt ist dabei
sehr charakteristisch und ausdrucksstark; sie erinnert an die Sprechparts von Vincent Price bei
Michael Jacksons "Thriller" oder Orson Welles bei Alan Parson's Projects "Tales of Mystery and
Imagination".
|
| Die einzelnen Tracks |
| 1. Il pleure (at the turn of the century)
|
| 2. born on a sunday
|
| 3. dreaming in colour
|
| 4. on being blue
|
| 5. continued in color
|
| 6. rapt: in the evening air
|
| 7. metaforce
|
| 8. the holy egoism of genius
|
| 9. la flûte de pan
|
| 10. metaphor on the floor
|
| 11. approximate mood swing no: 2
|
| 12. pause
|
| 13. out of this world (version 138)
|
| Fazit
|
| Als Fazit kann man das Album ohne Bedenken all denjenigen empfehlen,
die gegen kreativen Umgang
mit klassischem Material nichts einzuwenden haben, und sich an wunderbaren Sounds und
Arrangements erfreuen können; ein bisschen Zeit
zum Einhören vorausgesetzt. Für Puristen
unter den Debussy-Fans ist Vorsicht geboten, und man muss Debussy nicht unbedingt kennen, um
an dem Album Gefallen zu haben.
|