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| Al Jarreau ist ein musikalisches Naturtalent, ein Mensch,
bei dem die Musik nicht aus dem Kopf, sondern aus der Seele kommt. Er hat,
wie so viele andere schwarze Jazzmusiker vor ihm, nie im eigentlichen Sinne
gelernt, Musik zu machen. Vielmehr ist er in einer musikalischen Umgebung
aufgewachsen, in der er von Kindesbeinen an nichts anderes als Jazz gehört
hat. Da die ganze Musikrezeption, auch die Umsetzung und Wiedergabe des
Gehörten, nur über das Gehör ablief, entstand für Al
Jarreau niemals die Notwendigkeit, Noten zu lernen. Er gibt diese Tatsche
heute auch gerne zu: |
| "Ich habe es zwar einige Male versucht, konnte es auch
so ein bißchen, habe es inzwischen aber wieder völlig verlernt."14 |
Al Jarreau steht damit aber bei weitem nicht allein. Viele berühmte
Jazzmusiker, wie zum Beispiel Erroll Garner, Jon Hendricks, auch der Komponist
Irving Berlin, waren in dieser Hinsicht "ungebildet".
Es ist sicherlich auch unnötig, besonders zu betonen, daß
Al Jarreau niemals in seinem Leben irgendeine Form von Gesangsunterricht
erhielt. Er benutzt seine Stimme völlig intuitiv. |
| Schwierig wurde es erst, als Al begann, eigene Stücke zu schreiben.
Da er nie ein Instrument gelernt hat, stellt sich die Frage, wie dieser
Vorgang vor sich geht. Er äußert sich hierzu folgendermaßen: |
| "Ich habe eine Melodie im Kopf, ein paar Textzeilen,
die dazu passen, behalte alles normalerweise so lange bei mir, bis alles
in meiner Vorstellung feste Formen annimmt und erst dann arbeite ich es
mit meinem Pianisten aus."15 |
| Der Pianist war zu der Zeit, als diese Aussage entstand, Tom Canning.
Er ist auf den ersten sechs Platten Al Jarreaus als Pianist und Keyboarder
mit von der Partie und bei vielen Titeln als Co-Autor mit aufgeführt.
Er dürfte derjenige sein, der den Kompositionen Al Jarreaus die harmonische
Gestalt gab. |
| Allerdings ist Al Jarreau nicht nur für den musikalischen Teil
mit verantwortlich, er steuert auch alle Texte zu seinen Kompositionen
bei. Al Jarreaus Musikalität zeigt sich in seiner Vollkommenheit erst
richtig bei seinen Live-Konzerten. Schon in seiner Jugend in Schulbands,
später dann bei seinen jahrelangen Auftritten in den verschiedensten
Clubs, hatte er immer den hautnahen Kontakt zum Publikum, die sofortige
Resonanz auf das, was er auf der Bühne vortrug. Und auch heute noch
lebt er erst bei seinen Live-Konzerten so richtig auf. Er unterhält
sich während der Stücke mit dem Publikum, nimmt Anregungen auf,
improvisiert viel ausgiebiger und ist, so perfekt seine Studioproduktionen
auch sein mögen, wie ausgewechselt. Hier mag vielleicht auch die Religiosität
eine Rolle spielen, die er in seiner Kindheit durch seinen Vater erfahren
hat: |
| "Very often I'm right up onstage preaching. It's a pulpit
[Kanzel] ."16 |
14zit. nach: Gudrun Endress, a.a.O., S. 8
15ebda., S. 9
16zit. nach: Marc Rowland, a.a.O., S. 98 |
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